literarische beiträge

Martina: Erinnerungen an meine erste Menstruation

Das mir unendlich erscheinende Warten darauf, eine Frau zu werden, hat sich tiefer in meine Erinnerung eingeschrieben als das tatsächliche erste Menstruationserlebnis. Ich war eine Spätzünderin im wahrsten Sinne des Wortes. Groß und sehr schlank und nach meinem Empfinden viel zu lange an den Körper eines Mädchens gebunden. Abgesehen davon, dass meine erste Menstruation erst mit 15 Jahren einsetzte – soweit ich mich erinnere, war ich die Letzte aus meinem Jahrgang – war ich ebenso lange flach wie ein Schachbrett. Rund um mich wuchsen die Brüste der Mädchen munter dahin, sie alle schienen kein anderes Thema zu kennen als ihre neuen und aufregenden Erfahrungen, die ihr sich verändernder Körper mit sich brachte. Ständig erweiterte sich der erlesene Kreis der Frauen, doch bei mir rührte sich nichts.

Lange Zeit hatte ich eine Verbündete. Meine beste Freundin hielt mir die Treue. Eine Insel der Seligen unter all den menstruierenden Teenagern. Wir teilten nicht nur den Namen, sondern auch das Schicksal der Spätentwickelten. Und das machte uns stark. Doch eines Tages trat das Meistgefürchtete ein. Meine Freundin teilte mir schuldbewusst mit, dass sie über Nacht zur Frau geworden war. Ihr Freudestrahlen, das sie liebens-werterweise vor mir zu verbergen suchte, ließ meine Ungeduld weiter anwachsen und ich fühlte mich allein.

An die Zeit des Wartens erinnere ich mich ausgesprochen gut. Ich wollte endlich dazugehören, endlich auch wissen, wie es sich anfühlt zu menstruieren und ich wollte mich endlich vom Turnunterricht befreien lassen. Meine erste Menstruation müsste nach all dem ein großes und feierliches Ereignis gewesen sein. Doch mein Gedächtnis gibt keine klare und lückenlose Erinnerung preis, nur einzelne Erinnerungsstücke kommen mir in den Sinn. Da ist die Toilette in meinem Elternhaus, eine geringe Menge an Blut, der Kasten mit den Binden, auf den ich nun Zugriff hatte, und da ist natürlich meine Mutter, der ich stolz erzählte, dass ich meine Tage bekommen hatte. Wahrscheinlich habe ich die freudige Mitteilung telefonisch an meine Freundinnen weitergegeben, vielleicht habe ich aber auch auf den nächsten Tag gewartet, um es ihnen persönlich zu erzählen.

Nachdem ich das erste Mal menstruiert hatte, musste ich wieder ein halbes Jahr warten. Aber dieses Warten war nicht mehr von einem Gefühl des Ausgeschlossen-Seins begleitet, denn ich war nun eine Frau.

© Martina Schachner, geboren 1986 in Graz

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Bettina: Meine erste erdbeerwoche

Es war ein Freitag – ob es der 13. war, kann ich mich nicht erinnern – aber ich war jedenfalls gerade 13. Wie jeden Morgen unter der Woche läutete mich der Wecker unsanft aus dem Bett und ich torkelte schlaftrunken zur Toilette, setzte mich mit halbgeschlossenen Augen und erleichterte meine Blase. Da fiel mein verschlafener Blick auf meine Unterhose und plötzlich war ich hellwach. Da war er – ganz eindeutig – ein großer roter Blutfleck! Natürlich wusste ich sofort, was los war, denn als Jüngste von drei Schwestern war ich schon lange mehr als aufgeklärt und sehnte mich bereits danach, endlich auch zu bluten, so wie meine großen Schwestern, und dabei genauso erwachsen sein zu dürfen.

Now I am a bloody woman too!

Als ich also den Blutfleck in meiner Hose entdeckte, ließ ich einen lauten Schrei nach meiner Mutter los – den Gefühlsmix aus Aufregung, Freude, Stolz und auch ein wenig Angst, was nun auf mich zukommen würde, musste ich mit jemandem teilen.

Wir haben grundsätzlich ein sehr offenes Verhältnis in unserer Familie – Nacktheit galt bei uns stets als etwas Natürliches und so wurden Badezimmertüren auch nur selten geschlossen. Als meine Mutter also meinen gellenden Schrei hörte, stürzte sie ins Badezimmer. Noch bevor sie ganz bei mir war, rief ich ihr schon entgegen: „Ich hab die Regel bekommen!“, woraufhin sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete und sie mich umarmte (was sich etwas schwierig gestaltete, da ich ja noch immer mit heruntergelassener Hose auf der Toilette saß) und mir gratulierte.

Meine Binde ist doch keine Rohrleitung!

Nun durfte ich endlich eine Binde aus dem Schrank meiner Schwestern stibitzen – kam jedoch schnell drauf, dass am Bindentragen nichts allzu Glamouröses dran war. Tampons waren für mich mit 13 keine Option und Biobinden kannte ich zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht. Also musste ich mir dieses klebrige, mit Plastik überzogene Riesending in die Unterhose stopfen und fühlte mich plötzlich in meine Windel-Kindheit zurück versetzt. Noch dazu setzten recht rasch starke Bauchkrämpfe ein. Das sollte nun also die tolle Regel sein, von der die älteren Mädchen immer hinter vorgehaltener Hand sprachen?

erdbeerwoche: Vom lästigen Übel zu einer Mission

Noch lange sollte mich die Regel auf eher negative Weise begleiten – mit unangenehmen Monatshygieneartikeln und allmonatlichen Schmerzen. Dass sich das Ganze viel später zum Positiven wenden sollte, als ich mit Mitte 20 gemeinsam mit einer Freundin die erdbeerwoche gründete, um gesunde, nachhaltige Frauenhygiene für alle Mädchen und Frauen zugänglich zu machen, konnte ich damals mit 13 natürlich noch nicht ahnen. Heute lebe ich meine Regel unter dem Motto „Liebe deine erdbeerwoche“, denn es ist „deine Regel und dein Planet“ und freue mich, diese Einstellung mit vielen Frauen teilen zu können.      www.erdbeerwoche.com

© Bettina, geboren 1984 in Klagenfurt

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Naoko: Die erste Periode

Als ich meine erste Periode bekam, war ich zu Hause am Klo und sah kleine, aber auffällige Blutflecke auf meiner weißen Unterhose.

Ich war ein wenig stolz und nahm wahr, dass ein bedeutender Punkt im Prozess von „Erwachsenwerden“ erreicht war – so wie meine Körpergröße in die Höhe geht, mein Gewicht zunimmt oder die Schuhgröße größer wird, aber etwas bedeutender als all das –, und dass ich vielleicht die nächsten paar Jahre unregelmäßig, aber dann einmal pro Monat diese Blutung bekommen werde, bis sie irgendwann in der für mein damaliges Verständnis unvorstellbar weiten Zukunft aufhört. Mein Vater bereitete mich von klein auf, mit naturwissenschaftlichem Wissen, darauf vor, so dass ein kleines Mädchen wie ich es verstehen konnte. Ich war ihm damals und bin eigentlich immer noch dafür dankbar.

Ich berichtete meiner Mutter, dass ich meine Periode bekommen habe, und sie erklärte mir die dazugehörigen praktischen Sachen. Nun war das erledigt und das Ganze gehörte ab jetzt mir allein … so ein ähnliches Gefühl war das, glaube ich. Auf jeden Fall war ich dann zufrieden.

In Japan ist es gebräuchlich, dass, wenn ein Mädchen seine erste Periode bekommt, die Familie feiert, indem man mit roten Bohnen (Adzukibohnen) gekochten Reis (die Reiskörner werden von den Bohnen schön rot) isst.

Ob das an dem Abend stattfand, kann ich mich nicht mehr erinnern.

© Naoko Muneoka, geboren 1966 in Japan

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Susanne: Die erste Regel lang is‘ her …

Also, alles, was mit Sexualität, Frau-Werden zu tun hat, war in meiner Familie ein absolutes Tabuthema. Darüber spricht man nicht. Im Unterleiberl durch die Wohnung gehend hörte ich: „Zieh dir was an! Du bist ja nackt.“ Somit wurde meine Liebe zum eigenen Körper wahrlich auf die Probe gestellt …

Ich erinnere mich noch gut, wie meine Mutter versuchte, mich aufzuklären. Wir standen vor einer Buchhandlung, beide starr in die Auslage schauend, beide peinlich berührt. Eigentlich erzählte sie nichts wirklich, es war ein Herumgeschwafel und wir waren beide froh, als wir so taten, als wäre dies ein fruchtbares Gespräch, welches bald aufhören konnte. In Wahrheit war ich durch meine Freundinnen schon „irgendwie“ aufgeklärt worden. (Kann man wirklich durch Küssen schwanger werden …?)

Meine erste Periode ereilte mich, dreizehnjährig, Gott sei Dank nächtens zu Hause. Familiär wurde darüber kein Aufsehen gemacht.

Ich war stolz und aufgeregt, jetzt zum Club der Frauen zu gehören. In der Klasse lässig beim Turnunterricht sagen zu können, dass man befreit sei mitzuturnen.

Wobei, so locker war es im Endeffekt nicht, da der Umgang mit der Regel zu meiner Zeit ein wenig komplizierter und nicht wirklich handsam war. Tampons waren für die Anfangszeit ein No-Go. Es wurde mit dicken Binden und einem Bindenhalter gearbeitet (ähnlich einem Strumpfbandgürtel, aber eindeutig weniger erotisch …), da die dicken Binden damals keine Gummierung hatten.

Ich kann mich an meine Aufgeregtheit erinnern, das erste Mal heimlich (weil in meiner Familie verpönt) ein Tampon zu verwenden. Wie weit schiebt frau es rein, bleibt es stecken, kriegt man es wieder raus … Hilfe …

Vor lauter Unsicherheit blieb das allererste o.b. prompt im Scheideneingang stecken, was natürlich unangenehm war, ich aber glaubte, dies gehöre so (keiner redet darüber), und war somit selig, als ich beim zweiten Mal den Mut hatte, es auf den vorgesehenen Platz zu schieben, und nichts mehr wehtat. Das Gefühl war sensationell …

© Susanne M.-T., geboren 1957 in Wien

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Bianca: Gedanken über den Stich ins Rote Meer

Am Stammtisch sitz ich mit meinen drei (wahrscheinlich) besten Freunden und diskutiere bei einem Bier über „Gott und die Welt“. Von Politik zu Mehrsprachigkeit, vom Fußball zur Studentenparty und vom Sex zur Menstruation. Das M-Wort fiel und man senkt sein Krügerl. Bitte nicht so ein Thema am Stammtisch. Wir sind hier, um Spaß zu haben (hehem: kann man natürlich auch bei Fußball oder Politik sagen). Sind aber Sachen, die nicht tabu sind. Über die „offene Beziehung(?)“ des M. reden ist auch nicht tabu – das ist ja interessant und spannend und da schlürft sich das Bier wie das Aspirinwasser am nächsten Morgen.

Weil das Thema den Herrschaften so unangenehm ist, machts mir gleich dreimal so viel Spaß, auf den Tisch zu hauen. Wo ist das Problem, frage ich sie. Ich schlage vor, ihr fragt mich Sachen, die ihr noch nie fragen konntet. Ich beantworte sie gerne ohne Vorurteile und ohne solche noch mehr zu schüren. Das Krügerl bleibt unberührt am Tisch stehen. Der T. sagt, er muss Lulu. Darüber lässt sich reden? Über Lulu? „Kummt a nur aus’m Spatzi ausse“, schrei ich ihm nach. Alle lachen, aber keiner weiß wieso. Da sitz ich also peinlich berührt mit meinen Kumpels und frag mich, was so falsch daran ist, über Frauenprobleme – wie sie sie nennen – zu reden. Irgendwer flüstert irgendwas. Alle lachen. 5 Schluck Bier. Frag ich also nach: Es geht um den Stich ins Rote Meer. Ich, zurückgeblieben wie ich bin, eingeschüchtert von der heutigen Jugend, die jeden Tag eine neue Sprach-/Sexkultur erfindet, keine Ahnung, wovon sie da reden – bin wohl zu prüde. Beantworten will man mir meine offene Frage auch nicht. „Nicht so laut, bitte …“ kommt als Antwort. Was zur Hölle soll das heißen. Ich google also. What the fuck. Wieso google ich? – Lese mir das durch und weiß, warum meine Frage nicht beantwortet wird. Ich lauf rot an, spür, wie das Herz anfängt auszuzucken, und zuck dann auch aus. Jetzt sag ich euch amal was: Wir reden über diese und jene Blowjobs, auch so ein Frauenproblem. Wir reden von Schlampenskalen von 1 bis 10. Wir reden über das Ficken wie das Kleinkind über die Süßigkeiten und ihr schaffts es nicht, normal über monatliche Blutungen zu reden? Simma 17 oder simma 23?“ – Top-Answer: „Es betrifft uns nicht. Wir haben dazu keinen Zugang.“ Bitte was? Wie ist denn dein Zugang zu Fußball, T. – der „nicht mal“ weiß, was Abseits ist. Darüber lässt sich gerne reden. Betrifft ihn ja (vollkommen gar nicht). Ich hasse alle. Mir ist das jetzt alles wurscht. Ich red über meine Periode, mein Rotes Meer, meinen Besuch der roten Tante, meine Menstruation, meine „Tage“. Wobei meine „Tage“ eigentlich falsch ist: Sind ja die schlechten Tage, die man hat. Demnach habe ich also ungefähr 28 von 31 Tagen, die schlecht sind. Du kannst mich also nie ficken, sorry. Wobei – doch natürlich kannst du. Ist ja kein Problem. Ist nur eben der Stich ins Rote Meer. Der Anker wird versenkt, verschwindet so wie die Menstruation am Meeresboden. Darüber reden wir nicht. Dazu hat man keinen Zugang. Noch nicht mit 23.

© Bianca, geboren 1993 in Klosterneuburg

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Anroca: Schwimmen mit Binden

Am Wochenende war ich im Strandclub und plötzlich kam die Regel. Ich war so stolz! Die Binden damals waren dick, groß und unförmig, aber etwas anderes gab es nicht – ich habe also eine dieser Einlagen genommen und wieder meinen Badeanzug angezogen, die Ausbeulung zwischen meinen Beinen habe ich nicht bemerkt. Alle Freundinnen waren im Wasser und ich ging natürlich auch wieder schwimmen, klar, mit der Binde! Als ich kurz raus musste, war alles nass, die Binde lief aus und alles meine Beine hinunter. Ich wollte diesen schweren, tropfenden Klumpen rasch loswerden, spülte die Binde am Klo hinunter und beschloss – „Mir ist das jetzt egal und niemand wird etwas merken“ –, ohne Binde wieder ins Wasser zu gehen. Es klappte wunderbar! Ich war den ganzen Tag im Becken und wir hatten viel Spaß.

Drei Versuche

Ich war 12 Jahre und 11 Monate, als ich meine Periode zum ersten Mal bekam. In diesem Jahr kamen Tampax auf. In Venezuela und auch in meiner Familie sind die Menschen konservativ. Über Tampax wurde nie geredet, auch nicht in der Schule oder unter Freundinnen.

Als ich einmal mit meinen Eltern auf der Insel St. Martin war, bekam ich die Periode. Im Hotel-Shop besorgte ich mir Tampax, aber so einfach war das nicht. Ich war Jungfrau und ich kannte meinen Körper nicht. Im Badezimmer versuchte ich, das Tampax zu platzieren – es ging nicht. Dann, endlich, war es zur Hälfte drinnen, die andere Hälfte blieb draußen. Ich wollte schwimmen gehen, obwohl es herausstand, aber es tat schon beim Gehen sehr weh. Ich also am Weg zum Strand, und da sehe ich John Travolta! Er wohnte im Hotel nebenan und ich wollte ihn beobachten, ihm nachgehen und sehen, was er tut – und dann, dieses Tampax! Ich war total aufgeregt, aber ich kam ihm nicht nach, weil mir das Tampax bei jedem Schritt Schmerzen bereitete, und sagte mir: „Nie wieder ein Tampax.“

Ein zweites Mal habe ich es später, beim Reiten, versucht. Es war schrecklich, nicht auszuhalten und ich sagte mir wieder: „Nie wieder ein Tampax.“ Als ich 27 Jahre alt war, zog ich nach Österreich. Mein Mann fragte mich, wieso ich keine o.b. benütze, er fand, sie seien viel praktischer als Binden. Er erzählte meiner Schwägerin von meinen Schmerzen und sie machte sich über mich lustig, so, als ob ich aus der dritten Welt käme, ganz ohne Verständnis. Da habe ich einen dritten Versuch gestartet und ein o.b. genommen. Es hat geklappt und ich sagte mir: „Nie wieder eine Binde!“

© Anroca, geboren in Caracas, Venezuela

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Greta: Sehnsucht?

Voller Sehnsucht wartete ich.
Darauf, dass du nicht kommst.
Ein Schmetterling im Bauch.
Überglücklich!

© Greta Jenček, geboren 1973 in Celje

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Christine: Ich war sehr zeitig dran!

Mit 12 Jahren habe ich die Regel schon bekommen. Ich war sehr zeitig dran! Heute ist das üblich bei den jungen Mädchen, die sind früher reif. Aber ich habe von meinen Freundinnen und auch von meinen Schulkolleginnen nichts darüber gewusst. Ich war überrascht, als die Regel kam, und bin zu meiner Mutter gegangen. Die erste Zeit hatte ich starke Schmerzen, Krämpfe und Kopfschmerzen und die Periode ist unregelmäßig gekommen, manchmal ist sie drei Monate ausgeblieben. Ich habe viele Medikamente ausprobiert, aber erst durch die Hormone – mit der Pille – ist es dann in Ordnung gekommen, da sind auch die Kopfschmerzen ausgeblieben und die Regel kam wie ein Uhrwerk, bis ich 58 Jahre war, dann blieb sie mit einem Schlag weg.

© Christine A., geboren 1950 in Pichling bei Linz

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Stefanie: Die Unterwäsche meines Bruders

Damals erbte ich noch die Kleidung meines großen Bruders und gerade seine alten Boxershorts trug ich, bis meine Mutter sie nicht mehr flicken wollte.

In meinen blauen Lieblingsboxers bereitete ich mich an diesem Tag in meinem 12. Lebensjahr darauf vor, mit meiner besten Freundin Nadja einen Badeausflug zu machen. Wir lebten direkt an der Grenze zur Schweiz und das nächstgelegene Schwimmbad lag kaum zehn Minuten entfernt auf der anderen Seite des Rheins. Nadja wartete vor der Türe, während ich in der Waschküche in meinen Badeanzug schlüpfte. Ich erinnere mich nicht mehr, ob meine Mutter zuerst die dunkelroten Flecken auf dem hellblauen Stoff der Shorts entdeckte oder ob ich es war. Jedenfalls stieg eine trotzige Wut in mir hoch, weil ich mir einredete, dass sie das Baden wegen dieser blöden Blutung verbieten würde. Doch sie setzte sich ganz pragmatisch ins Auto und fuhr in die Stadt, um mir Mini-Tampons zu besorgen. Dann drückte sie mir die Packung in die Hand und ließ mich mit der Anweisung losziehen, den Tampon jede Stunde zu wechseln. So unscheinbar stellte sich meine Fruchtbarkeit ein. Ich hätte sie wohl mehr oder weniger übersehen, wenn meine Mutter nicht so emotional geworden wäre. In den nächsten Tagen kaufte sie mir ein Menstruationsgeschenk, das aus teuren Wachskreiden und einer Karte bestand, in der sie schrieb, dass ich jetzt eine Frau sei und sie sich sehr darüber freue. Ich grinste beim Anblick der Kreiden, vor allem weil ich mich bevorzugt fühlte, denn meine Brüder konnten ja kein Menstruationsgeschenk bekommen. Die Worte meiner Mutter prallten zu diesem Zeitpunkt noch an mir ab und trotzdem hat sich etwas verändert, die Boxershorts meines Bruders trug ich nie mehr.

Die rote Tante

Ich gewöhnte mich daran, dass die rote Tante mich nun regelmäßig besuchte. Sie kam jedoch so unscheinbar und ohne jegliche schmerzhafte Warnung daher, dass sie mich jedes Mal wieder überraschte. Es passierte, dass ich morgens die Leiter meines Hochbetts hinabstieg und mit verschlafen halb-geschlossenen Augen die roten Punkte bewunderte, die plötzlich auf dem hellen Holzboden auftauchten. Mit einem Schlag hellwach wackelte ich, die Beine zusammengepresst, ins Bad, um meinen unerwarteten Blutverlust zu behandeln. Eine Folge dieser spontanen Periode-Anfälle war, dass ich lernte, wie man Wäsche von Hand reinigt, weil meine Mutter nicht einsah, warum sie ständig meine blutigen Unterhosen auswaschen sollte. Neben diesen kleinen Ärgernissen brachte mir die Periode immerhin den Respekt meiner Mitschülerinnen ein, weil ich jetzt zu denen gehörte, die „es“ schon hatten, was genauso cool war, wie bereits mit 12 einen BH zu besitzen. Wir sprachen über diese Ereignisse wie über eine fremde Magie, die wir noch nicht erfassen konnten, von der wir aber spürten, wie bedeutsam sie für uns sein würde.

Trotzdem berührten mich diese körperlichen Veränderungen damals nicht auf emotionaler Ebene, weil die mit der rasanten Entwicklung meines Körpers einfach nicht mithalten konnte. Erst mit 18 begann ich langsam zu verstehen, dass die Periode nur ein kleiner Ausdruck dessen ist, was unser ganzes Leben als Frauen bestimmt – die Fruchtbarkeit und alle Launen, die Verletzlichkeit und alle Freuden, die mit ihr einhergehen. Heute bin ich erleichtert, wenn ich die rote Tante treffe, sie ist keine unerwartete Besucherin mehr. Ich spüre schon eine Woche zuvor, wenn sie sich anmeldet, und sie ist mir sehr willkommen, weil sie verspricht, dass mir andere, welterschütternde Überraschungen erspart bleiben. Sie ist zu einer guten Freundin geworden, und blutige Unterhosen bleiben mir schon lange erspart.

© Stefanie Lindner, geboren 1990 in Graz

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Brigitte: Die Regel kommt von regelmäßig?

Die erste Regel – ich war so zwischen zwölf und dreizehn
Wo? Am Klo – wo sonst

Ein leiwandes Gefühl (heute sagt man cool)
Habe schon BH, und jetzt auch noch die Tage
Bin jetzt erwachsen, gehöre dazu
Wozu? Zur Gruppe der Leaderinnen in der Klasse
Auf zum Telefon – meine Freundin muss es wissen (ihre damalige Telefonnummer weiß ich immer noch, wir haben endlos telefoniert in der Zeit unserer pubertären Probleme)

Turnunterricht – muss passen, habe die Regel … leiwand

Alles nicht so Leiwande kommt natürlich:
Schmerzen … unregelmäßige Tage … einmal nichts, einmal lang und heftig
Die Regel kommt von regelmäßig? … und mäßig? Dieses Wort ist in meinem Fall völlig unpassend

Ich bin jetzt sechzehn
Meine Mutter kennt meinen Freund inzwischen, auch meine Oma kennt ihn, sie nennt ihn Langhaardackel

Und wieder kommen sie nicht, die Tage
Meine Mutter: „Bist schwanger?“ Ich: „Nein, wieso?“ – Wieso!
Sie geht mit mir zu ihrem Gynäkologen
Er: „Bist vielleicht schwanger?“ Ich: „Nein, war noch nix.“
Er: „Na, der Heilige Geist kann’s nicht gewesen sein.“
Sollt‘ ich vielleicht sagen … wieso nicht …
Die Untersuchung folgt
Er verschreibt mir die Pille als Therapie, eine ganz leichte, sagt er,
aber er verschreibt mir die Pille!!!
Yeah, auf ins Leben!

Jetzt bin ich Oma,
und Langhaardackel sind selten geworden

© Brigitte Spanblöchel-Glass, geboren 1958 in Wien

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Andrea: Jetzt bin ich eine richtige Frau!

Draußen tanzten die Schneeflocken vor dem Wohnzimmerfenster – vor drei Monaten hatte ich meinen 12. Geburtstag gefeiert und jetzt war ich eine Frau, eine richtige Frau! Endlich, die heiß ersehnte erste Regel machte es sich in meinem Bauch gemütlich! Aufgeregt und selig stolzierte ich wie eine Schneekönigin durchs Zimmer, so als könnte es jede und jeder sehen und wissen, sie gehört jetzt auch zum Club der Menstruierenden. Meine Mutter hatte vorsorglich alles besorgt: Binden, Watte und o.b. – die beiden Ersteren schieden sofort aus – so ein antiquierter Kram! Also: o.b. – nur, so einfach war das nicht, ohne Übung. Ich entkleidete das o.b. seiner Zellophanhülle, las mit Interesse die Gebrauchsanleitung und dann rein damit, zizerlweise. Die Blutung fiel recht schwach aus, ich schob vorsichtig immer weiter – manchmal fühlte es sich an, als ob es nicht mehr weiter ginge, dann hatte ich den Eindruck, es passt so. Stolz vor mich hinblutend ging ich wieder ins Zimmer, zu meiner um ein Jahr jüngeren Freundin, die mich an diesem Tag besuchte. „Die Kleine! Die hat ja keine Ahnung!“, dachte ich hoheitsvoll und setzte mich – schief – auf nur eine Pobacke, denn ich hatte mich nicht getraut, das o.b. allzu weit hinein zu schieben, es lugte ein Stückchen heraus und ich konnte nicht gerade sitzen. Dieser Teil meines Körpers musste erst erforscht werden, vieles fühlte sich fremd und ungewohnt an und mich beschäftigte die Frage, ob ich den Tampon wieder herausbekommen würde, falls ich ihn zu weit in mir versenkte hätte. Feierlich und schief saß ich also auf der Bank neben Claudia, in unbändiger Freude über mein beginnendes Erwachsenwerden und dachte: „Es fühlt sich toll an, eine Frau zu sein, aber ein bisschen unpraktisch ist es schon!“ Kurz vor dem Schlafengehen, hatte meine Mutter noch die Agenda „Regelschmerzen“ am Plan. Wir standen vor einem Kästchen, das früher in nahezu jedem Haushalt zu finden war. Öffnete man die Türe, standen da eine Cognacflasche und mehrere Cognacschwenker. Meine Mutter schenkte mir 2cm in ein Glas ein. „Wenn du Regelschmerzen hast, trinkst du das. Es dauert nur ein paar Minuten und die Schmerzen sind wie weggeblasen.“ Ich machte unvorsichtigerweise einen sehr großen Schluck und mir war sofort klar, ich würde nie Regelschmerzen bekommen. So etwas Scheußliches wollte ich nicht noch einmal trinken. Dieser Vorsatz war vielleicht mitbestimmend, dass ich, bis auf ein bisserl Ziehen am Beginn der Tage, nur sehr selten Regelschmerzen hatte.Einen Monat später hatte meine Mutter, die mich vor einer ungewollten Schwangerschaft bewahren wollte, beschlossen, dass Erwachsenwerden neben den Freuden auch Pflichten beinhaltet – ich musste ein Periodenbuch führen und meine Tage aufschreiben – genaue Buchführung hieß das im Klartext – ich!! In einer besonders unerquicklichen Anwandlung befand sie zudem, dass ich auf jeden Fall in der Lage sein müsse, meine fruchtbaren Tage auszurechnen – sicher ist sicher. Wirklich ehrenvoll, so viel Vertrauen – also, auch noch rechnen! Der erste Periodenzauber bekam ein paar Kratzer. Dazu die Gespräche mit meiner Mutter, von Frau zu Frau – in der Literatur fanden sich öfter Hinweise, wie peinlich das manche Mütter berührte. Meine war völlig relaxed und unerschrocken, dafür fand ich diese Gespräche äußerst unangenehm und ich flüchtete, so schnell es ging. Ihre Ratschläge kamen sowieso nicht an: Sobald sie anfing, von den „hard facts“ zu sprechen – wie die Burschen mit den fruchtbaren Tagen in Einklang zu bringen wären –, schlossen sich meine Ohren und ich dachte konzentriert an etwas anderes. Noch war ich nicht bereit, meine romantischen „First-Love-Filme“ im Kopfkino mit der Realität unter einen Hut zu bringen. Mit der Zeit pendelte sich dann alles ein, meine Buchführung war akribisch und rechnen konnte ich noch nie.

© Andrea Pierus, geboren 1966 in Wien

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Lilli: Meine erste Periode

Ich habe meine Tage mit 13 Jahren bekommen; es war nichts Besonderes oder Schlimmes für mich und mir ist auch nichts Peinliches passiert. Ich habe es einfach bemerkt und dann war es halt so. Meiner Mutter habe ich es erst nicht gesagt, aber warum, weiß ich auch nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es mir peinlich war, jedenfalls hat sie es irgendwann bemerkt und mich darauf angesprochen. Für viele meiner Freunde ist es total schlimm, wenn sie ihre Tage haben, weil sie dann an extremen Bauchschmerzen leiden und deshalb teilweise nicht zur Schule können und es schränkt viele generell sehr ein, jedoch geht mir das zum Glück nicht so. Ich habe fast nie Bauchschmerzen und meine Laune wird eigentlich auch nicht davon beeinträchtigt, worüber ich sehr froh bin.

© Lilli, geboren 2003 in Bielefeld

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Charlotte: REGELrechte Erinnerungen

Erfroren hängen meine Fragen
aufgespießt auf den kalten Spitzen
der Eiskönigin –
unbeantwortet …

Eisige Nadeln ritzen meine junge Haut
Worte wie ZU JUNG, ZU DUMM
frieren sich fest –
für lange …

Katapultiert in kaltes, graues Niemandsland
schaffe ich mir ein Schneckenhaus,
verschließe es mit der duftenden Erde meiner Kindheit,
den wärmenden Fellen der Tiere,
der Üppigkeit der Natur …
Lass mir doch diese Zuflucht
Eiskönigin

Träge und schwer rinnt die Zeit dahin …
Durchbohrte Erinnerungen …
Ungeliebt fühlt man sich
blutleer

Aber dann … ist Blut überall!!
Angst und Ahnungslosigkeit flattern mit blutroten Flügeln …
Lagen von Klopapier drücken zwischen den Beinen …
Drück mich doch ein einziges Mal
… Mutter!!

Die Sehnsucht nach Wärme sitzt alleine
Neben der Stacheldraht-Wäscheleine der Eiskönigin.
Blütenweiß wieder hängen Laken und Unterhose –
vier Stacheln sind noch frei …
Die Eiskönigin spießt einen Sack Rauscher-Watte und drei Merkzettel auf:
DU HAST JETZT DIE REGEL
KOMM MIR JA NICHT MIT EINEM KIND HEIM
DU BIST JETZT EINE FRAU

Unsicher trippelt die Ahnungslosigkeit den Draht entlang,
pickt die Merkzettel ab und flattert kraftlos in meinen Schoß.
Eiskönigin, siehst Du die Fragezeichen nicht,
die ich stattdessen hingehängt habe?

Bisher kannte ich nur Verhaltensregeln …
Nun HATTE ich die REGEL –
und ein Rätsel
zu lösen.

WIE bekam man ein Kind?
Durch Küssen?

Wissen
bezog ich nun in kleinen, nicht immer verständlichen Dosen aus einem grauen, muffigen Brockhaus, der in einem Rundbau-Nussbaumsekretär eingeschlossen war. (Den Schlüssel zu finden, die Abwesenheit der Eiskönigin zu nutzen und den Schlüssel immer wieder, ohne Spuren zu hinterlassen, in seinem Versteck zu deponieren, war gar nicht so einfach.)

und von Edith, der für mich unerreichbaren Klassenprinzessin, deren Nylonstrümpfe neben meinen kackbraunen, fältelnden Baumwollexemplaren glänzten und die allen Grund hatte, einen BH zu tragen …

ICH BIN JETZT EINE FRAU !!??
Das flachbrüstige Kind der schönen Eiskönigin, das mit DIESEN Stampfern nie einen Mann finden würde … eine Frau …?
Frauen bekommen Brüste …
Frauen können lieben …
Frauen können verstehen …
Frauen haben Kinder …
ICH werde einmal ein Kind haben …
Nie werde ich eine Eiskönigin sein …
Nie werde ich es weggeben und nach 10 Jahren wieder holen …
Ich werde es wiegen, wärmen, lieben …

Der eben noch graue Vogel der Ahnungslosigkeit erhob sich
in schillernden Farben aus meinem Schoß,
breitete seine blutroten Flügel aus,
holte die Fragezeichen vom Stacheldraht
und erhob sich ins Morgenrot ……..

© Charlotte Ottwald, geboren 1947 in Wien

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Monika: Der Maler im Keller

Meine erste Regel kam mit 11, sehr früh damals in den 1970ern, und wurde von meiner Mutter mit „das hast jetzt jeden Monat“ kommentiert. So war das damals und prägte mein Frausein sehr lange. Verlogene Tabuisierung und Ausgrenzung durch das Unwohlsein – welch Ausdruck! Peinlich und furchtbar, wie mit einer der natürlichsten Sachen der Welt umgegangen wurde.

Wenig hilfreich waren auch die Synonyme, die damals gebraucht wurden. Fremdschämen war eine der mich ständig begleitenden Eigenschaften, wenn es um die Regel ging. Die Bezeichnung Periode war bei uns nur durch das Bravo-Heft geläufig und völlig unpassend im normalen Sprachgebrauch. Wer sich höflich ausdrückte, sagte „Ich hab die Tante“ oder „Ich hab Besuch“.

Die Umschreibungen im Dialekt waren für mich als sehr feinfühliges Mädchen unglaublich demütigend und sind es bis heute geblieben. Die G‘schicht zu haben, einen G‘schichtfetzen zu verwenden kam niemals über meine Lippen – ich schämte mich, wenn das gesagt wurde und beim Niederschreiben besteigt mich der Ekel wie damals.

Christa, eine langjährige Freundin aus Oberösterreich in den 1980ern, sagte einmal, sie hätte den Maler im Keller und ich stand endlos auf der Leitung, bis ich begriff, dass sie ihre Tage hatte. Damit verbinde ich Lachen ohne Ende und es geht als einzige Umschreibung als positiv bei mir durch.

Jahrzehnte litt ich unter extrem schmerzlichen und mit großem Blutverlust einhergehenden Menstruationsbe-schwerden, die erst aufhörten, als ich der Liebe meines Lebens in 2007 begegnete.

© Monika Mori, geboren 1960 in Mödling

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Ara: Robinson Crusoe hat vermutlich nicht menstruiert

Es war Hochsommer und strahlender Sonnenschein. Ich war 13 und wir hatten Projekttage in der Schule. Ich war in einer Gruppe, in der es um Robinson-Crusoe-artiges Überleben in der Wildnis ging. Das hieß konkret: Ein Haufen aufgeregter Pubertierender, einige Kilometer abseits des nächsten zivilisationsähnlichen Dorfes an einem Waldstück im mecklenburgischen Niemandsland. Wir schliefen gemeinsam im Stroh, wuschen uns nicht und kochten unser Essen auf dem Lagerfeuer. Die einzige „sanitäre Anlage“ war ein gebuddeltes Loch im Wald ohne Sichtschutz. Kein fließendes Wasser. Für drei Tage. Und ich bekam am zweiten Tag zum ersten Mal meine Tage. Ich kann mich noch erinnern, wie ich nachmittags zwischen den Jungs am Lagerfeuer saß und kurz das Gefühl hatte, dass sich in meinem Schritt irgendwas merkwürdig anfühlte. Irgendwie nass. Aber ich dachte nicht länger darüber nach. Wenig später ging ich mit einer Freundin gemeinsam in den Wald zum Pinkeln (wir gingen immer zu zweit, weil wir Angst hatten, die Jungs könnten uns auflauern). Kaum hatte ich meine Hose heruntergezogen, schrie meine Freundin schon glucksend auf: „Mensch! Du hast endlich deinen Scheiß bekommen!“ Ich blickte an mir herunter und sah meinen blutdurchtränkten roten Slip. Ich hab mich furchtbar gefühlt. Zwar war ich eine der letzten in meinem Freundinnenkreis, die noch nicht begonnen hatte zu menstruieren, und hab schon auch ein bisschen darauf gewartet. Aber warum jetzt? Warum hier? Ich hab mich nicht getraut, mit den Lehrerinnen darüber zu reden oder sie nach Hygieneartikeln zu fragen. Eine Freundin hatte zum Glück eine einzige Binde dabei. Die half mir dann irgendwie, mehr schlecht als recht die restliche Zeit zu überbrücken, bis ich wieder zu Hause sein würde. Es war heiß, ich hatte Krämpfe, zu wenig saubere Wechselsachen dabei und erinnere mich noch an einen gefühlt ewig langen Fußmarsch bis in den nächsten Ort. Und eine Busfahrt, bei der ich beständig Angst hatte, die Binde könnte zum Schluss kapitulieren und ich Blutflecken auf dem Sitz hinterlassen. Zuhause angekommen hab ich mich nur noch auf meinem Bett zusammengerollt und geweint.

© Ara Kropp, geboren 1987 in Halle/Saale

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Michaela: Natürlich weiß ich Bescheid

In der Schule gab es bei uns Mitte der 1970er Jahre den Schulversuch „Aufklärung für Mädchen“. Die 12- bis 13-jährigen Mädchen wurden für eine Stunde getrennt zum „Sonderunterricht“ gebeten. Vorweg wurde uns eingeschärft, dass keinesfalls gelacht werden darf, denn für die Lehrer war das eine höchst unangenehme Aufgabe. Unsere Biologielehrerin erklärte anhand von Bildern den weiblichen Körper, die Entwicklungsstufen und die Vorgänge im Körper, wie es zur Monatsblutung kommt. In sehr gequälter Ausdrucksweise stammelte sie etwas über die Möglichkeit einer Schwangerschaft, falls wir Geschlechtsverkehr haben sollten. Sie ging aber nicht näher darauf ein und wir konnten uns nicht viel darunter vorstellen. Es gab Werbegeschenke mit Probepackungen für Binden und Tampons von einem namhaften Hersteller für Damenhygiene. Die Lehrerin wies noch darauf hin, dass man auch als Jungfrau schon die Minitampons verwenden kann. Ich fühlte mich danach gut informiert.

Wenige Monate später war es dann so weit und ich bemerkte einen Blutfleck in der Unterhose. Stolz berichtete ich meiner Mutter davon und auch, dass wir in der Schule alles darüber erfahren haben. Ihre Freude hielt sich in Grenzen. Sie meinte nur: „Ab jetzt kannst du jederzeit schwanger werden. Ich hoffe, du bist vernünftig genug.“ Das war zu dieser Zeit aber sicher kein Thema für mich, da ich mich noch kaum für Burschen interessierte. Meine Mutter bestand auch darauf, dass ich Binden und keine Tampons verwende. Die Minitampons probierte ich dennoch heimlich und fand sie auch praktischer, aber meine Mutter kaufte nur Binden für mich.

© Michaela, geboren 1965 in Wien

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Brigitte: Meine erste Blutung

Ich bin auf dem Land und in einer Zeit aufgewachsen, wo Aufklärung nicht üblich war. Alles, was ich wusste, haben sich ältere Freundinnen kichernd erzählt, aus den Bruchstücken hab ich mir zusammengereimt, dass es so etwas wie eine monatliche Blutung gibt und dass man dann auch Schamhaare und Brüste bekommt. Aber so eine wirkliche Vorstellung davon hatte ich nicht.

Mit 12 bin ich im Sommer in ein Ferienlager gefahren und meine Mutter drückte mir beim Packen eine Packung dicker Binden und einen „Bindengürtel“ (ein grausiges lachsfarbenes Ding, das man umschnallt und in das man die Binden vorne und hinten einhängt) in die Hand mit dem Satz: „Falls du es brauchst“ …

Wofür und warum hat sie mir nicht gesagt. In diesem Jahr habe ich es nicht gebraucht, aber mit 13 hat meine erste Monatsblutung eingesetzt. Die Binden hatte längst meine Mutter verbraucht und ich habe ja gar nicht gewusst, dass man sie dafür verwendet. Aus lauter Scham und Unwissen habe ich auch niemandem davon erzählt, habe aus einem alten Leintuch Stoffstreifen rausgerissen und in die Unterhosen eingelegt, natürlich ist alles durchgegangen. Einziger Kommentar meiner Mutter, wie sie es gemerkt hat: „Ab jetzt darfst du nicht mehr mit den Buben im Wald spielen!“ (Bis dahin war ich mit meinem älteren Bruder ständig unterwegs gewesen, Baumhäuser bauen, im Bach schwimmen usw. und das alles mit seinen Freunden, hab lieber mit ihnen meine Zeit verbracht als mit Mädchen.) Warum ich das nicht tun soll, hat sie mir nicht gesagt.

Meine Brüste entwickelten sich, Schamhaare sind langsam gewachsen und ich war zum ersten Mal verliebt. Unglücklicherweise in einen viel älteren Lehrer, der mir auch Avancen machte, kleine Briefchen schrieb, mich zu Ausflügen mit seinen Kindern mitnahm, Nachhilfe in Mathematik gab usw. Eines Tages hat er mich verführt und ich wusste gar nicht, was er da mit mir machte, es hat nur wehgetan und er hat mich gefragt, ob ich schon meine Periode habe. Auf mein Ja hat er dann Coitus Interruptus praktiziert und sich selbst befriedigt, auf meine Frage, warum, gab er die Antwort: „Das verstehst du noch nicht …“ Ich habe mich nicht getraut, mit jemandem über mein Erlebnis zu sprechen, aus Angst, dass mir niemand glaubt. Ich wollte ihn nie mehr treffen und zum Glück war kurz danach ein Schulwechsel in eine höhere Schule. Viel später habe ich erfahren, dass dieser Lehrer auch andere junge Mädchen verführt hat. Nach dem Auffliegen wurde er an eine Bubenschule versetzt, das war die einzige Konsequenz.

Zum Glück hat mich dieses Erlebnis nicht traumatisiert, es war ja keine Vergewaltigung im klassischen Sinn, nur eine Ausnützung meiner Unerfahrenheit und Verliebtheit.

© Brigitte, geboren 1952 in Wien

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Erika: Die Regel war für mich immer total unangenehm. Ein Krampf war das.

Ich weiß nicht mehr, ob ich mit meinen Töchtern über die Regel geredet habe, aber eher schon. Bei mir zu Hause war das kein Thema in der Familie, ich war gar nicht vorbereitet. Ich kann mich noch erinnern, als ich mit 13 Jahren die Regel bekommen habe, da hat mir meine Mutter eine soooo dicke Binde gegeben, das war mir sehr zuwider. Ich hatte starke Schmerzen und habe auch gar nicht mehr aufgehört zu bluten. Wir sind dann zum praktischen Arzt, der mir ein Medikament gegeben hat, aber auch das hat nicht geholfen. Letztendlich war ich dann über einen Monat lang in der Semmelweisklinik in Wien. Ich war eine ganz Zarte und bin dann dort gepäppelt worden, hab Vitamine verabreicht bekommen – aber die Blutungen und die Schmerzen haben nicht aufgehört. Ich musste so lange im Spital bleiben, bis sie eine Schwangere gefunden haben, die meine Blutgruppe hatte, und dann haben sie eine Bluttransfusion gemacht, im Bett liegend, von einem Arm zum anderen Arm, weil die Schwangere das Hormon hatte, das mir angeblich fehlte. Dann hat sich die Blutung eingekriegt.

Die Regel war aber auch danach für mich immer total unangenehm. Ein Krampf war das. Ich hab ja Frisörin gelernt und wenn ich dann die Regel bekommen habe, hab ich die Mittagspause genützt – da habe ich mich niedergelegt und einen Thermophor aufgelegt. Dann ist alles so richtig geronnen, da hat es sich gelöst. Es war immer eine unangenehme Geschichte für mich. Das hat sich mit den Schwangerschaften aufgehört. Ich war immer wahnsinnig gerne schwanger, am liebsten wäre ich immer schwanger gewesen, vom Körperempfinden her. Nach der Schwangerschaft mit meinem dritten Kind habe ich dann die Pille genommen. Das war damals das stärkste Präparat, da hat es nicht viele andere gegeben und die habe ich bis zum 50. Lebensjahr durchgehend genommen. Die Pille hat sich anscheinend auch positiv auf die Regel ausgewirkt, weil die argen Schmerzen und starken Blutungen hatte ich dann nicht mehr. Als ich die Pille dann mit 50 abgesetzt hab, war ich von einem auf den anderen Tag im Wechsel.

© Erika, geboren 1940 in Niederösterreich

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Maria: Ich bin doch keine Frau?

Maria saß im großen Wohnzimmer ihrer Großmutter an einem runden dunklen Holztisch und kaute betrübt an ihrem Bleistift herum. Sie brütete über einer kniffligen Mathematikaufgabe. Die Pendeluhr im Uhrkasten in der Ecke schlug fünf Uhr Nachmittag. „Die Omi ist immer so hartnäckig!“, schimpfte Maria vor sich hin und ließ sich die schulterlangen blonden Haare übers Gesicht fallen. Maria hatte vor ein paar Tagen ihren 12. Geburtstag gehabt. Der August ging seinem Ende zu und der Schulbeginn war nah. Die Großmutter entschied: „Ab jetzt wird wieder ein bis zwei Stunden täglich gelernt! Damit es dir in der dritten Klasse Hauptschule besser geht als im Vorjahr, Maria!“ „Ade, du schöne Ferienzeit, du liebe freie Zeit!“, seufzte Maria und setzte ihre runde Nickelbrille auf. Von der Terrasse drang das Indianergebrüll ihrer kleinen Brüder und Cousins herein. Drinnen im kühlen Wohnzimmer schien die Zeit still zu stehen. Als Maria gerade davon träumte, ein Pferd auf einer Cowboyranch, auf einer grünen Weide zu sein, wurde sie jäh von einem ziehenden Schmerz im Unterleib wachgerüttelt. Maria hielt sich den Bauch: „Hoffentlich hört das gleich auf. Ich will nicht schon wieder eine Darmgrippe bekommen.“ Aber der Schmerz kam in Wellen aufs Neue und beunruhigte das Mädchen. Sie wollte sich ablenken, konzentrierte sich auf die Formeln, aber was war das – dieses unangenehme Gefühl? Plötzlich fühlte sich ihre Hose ganz feucht an. Maria war wie gelähmt. Sie hatte sich doch nicht das Höschen nass gemacht? Schnell warf sie den Bleistift weg, öffnete die Tür, blinzelte um die Ecke, ob der Weg zum Klo frei war. Dann rannte sie durch die Küche den Flur entlang, hinein ins rettende Örtchen. „Geschafft!“, stöhnte sie. Vorsichtig knöpfte sie den Bund der etwas zu eng gewordenen Hose auf, öffnete den Reißverschluss, ließ die Jeans auf den Fliesenboden fallen, streifte das Höschen hinunter und riskierte einen Blick. Da war Blut, schleimiges hellrotes Blut in ihrem Slip. Verzweifelt sank sie auf den Klodeckel. „Das kann nicht sein! Ich bin doch keine Frau?“

© Maria, geboren 1962 in Oberösterreich

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Kerstin Eberhard: Herumgehen

Wir sitzen am Küchentisch und schnipseln Gemüse. Welches Gemüse war das noch gleich? Ich sehe einen Rotkohl vor mir, einen Kopf Rotkohl. Und ich sehe Tomaten vor mir. Was gourmettechnisch und in meiner geistigen Vorstellung von einem Menü irgendwie nicht wirklich passend erscheinen will. Aber dennoch ist bei beiden Assoziationen wenigstens die Farbe oder die Bezeichnung für eine Farbe, die Farbe Rot enthalten. Die Farbe meines Blutes.

Ich habe ein schlechtes Gewissen und weiß, ich muss meiner Mutter beichten, dass ich vor einiger Zeit meine erste Periode hatte. Windungen wie die eines Wurmes, eines Regenwurmes, innere Windungen. Das deutliche Gefühl in mir: Ich will ihr das nicht sagen müssen. Aber ich muss es ihr sagen, weil sie es irgendwann sowieso erfragen oder erfahren wird. Es. Das Bluten aus mir. Es ist schließlich an der Zeit und ich bin nicht ihre erste Tochter. Das deutliche Gefühl: Es gehört sich so, wenn man seine Tage bekommt, dass man das dann eben der Mutter mitteilen muss. Spüren, dass man es nicht will. Es nicht wollen, weil die Mutter nicht die Person des Vertrauens ist. Eine, der man alles erzählen würde, wie der besten Freundin. Die Mutter ist eine, die weiter fragen könnte, weitere unangenehme Dinge fragen. Auf Jungs zu sprechen kommen. Hast du schon einen Freund? Oder gar auf den ersten Verkehr. Wie technisch doch die Dinge klingen können. Wie Apparate. Die man steuern kann. Wenn man es könnte. Die Dinge steuern. Mitten drin sein. In dieser unausweichlichen Apparatur aus Worten, die irgendwie nur peinlich sind.

Dabei begann „nur“ die Zeit dessen, was das aus dem Griechischen kommende Wort Periode schon beinhaltet. Die Menstruation und die Periode – beide Wörter klingen technisch-chemisch und nach sich ewiglich wiederholenden, unangenehmen Sekretausstoßungen – welch hartes Wort. Das Wort Periode bezeichnet also „das Herumgehen“. Wie ulkig! Denn genau das habe ich in dieser Zeit am liebsten getan. Ich bin in der Gegend herumgegangen. Voll von Neugierde für diese Welt. Aber natürlich war mit „Herumgehen“ das Herumgehen der Zyklen im weiblichen Körper gemeint und nicht, dass die Mädels als Freiwild durch die Gegend laufen und in männlichen Zirkeln herumgehen und ausprobiert werden dürfen. Was ja auch oft geschieht.

Auf jeden Fall kam die Frage, ob ich mit Tampons/Binden, ich weiß nicht mehr genau, wie sie sich ausdrückte – ausgestattet sei? Das war schon unangenehm. Sie bohrte in meiner geistigen Intimzone herum, wie ein zentnerschwerer Ölbohrer sich durch Gesteinsmassen hindurch arbeitet, bis er auf einen unterirdischen Ölsee stößt. Wahrscheinlich bin ich errötet. Und deswegen erscheint mir auch das Gemüse. Ein Kopf Rotkohl. Rot wie eine Tomate werden. Es war an einem Nachmittag bei der Abendessenszubereitung, vor der ich mich gerne drückte. War es ein Freitag? Ich glaube, sie hatte mich auch noch gefragt, ja, was hat sie mich noch gefragt? Sie fragte, ob ich denn schon aufgeklärt sei? Über die Schule und über die Bravo? Ich glaube, ich habe beide Fragen einfach mit „Ja“ beantwortet. Damit dieses unliebsame Gespräch schnellstmöglich vorbeigehen konnte. Was natürlich nicht ging. Die Erinnerungen an dieses Gespräch sind so dünn wie heute die Haare meines Vaters. Schütter und licht, wenig Substanz, kaum Greifbares. Es war ja auch alles klar. Alles mit der besten Freundin bereits besprochen und abgeklärt. Vorbereitet für die Zukunft. Die Erinnerungen sind einfach nur weg. Eingelagert in einer mit sieben Siegeln versehenen Kiste, welche in roter Farbe die Aufschrift Verdrängung trägt. Die Farbe meines Blutes.

© Kerstin Eberhard, geboren 1965 in Rheinland-Pfalz

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Amalia: Unwohl

Unwohl hat man gesagt. Ich bin unwohl. Unwohl, das war ein Zustand. Die Regel kommt, war auch gebräuchlich.

Ich war 12 Jahre alt, dünn, überhaupt nicht entwickelt, auch nicht aufgeklärt und trotzdem habe ich die Regel bekommen. Von meiner älteren Schwester habe ich mitbekommen und gewusst, dass die Regel irgendwann kommen wird, und ihr habe ich es auch erzählt, als ich sie das erste Mal bekam – zu meiner Mutter wäre ich nie gegangen! Binden hat es damals noch nicht gegeben, so habe ich einen Stofffetzen genommen – einen sauberen natürlich – und habe den eingelegt. Den Fetzen habe ich dann hinter den Möbeln versteckt, unter die Möbel, die Kastln geschoben. Ich wusste nicht, was ich damit sollte, wenn sie benützt waren. Meine Mutter wird sie wahrscheinlich „gefunden“ haben, vielleicht hat sie es von meiner Schwester gewusst – sie waren dann weg. Später, als ich mein eigenes Geld hatte, konnte ich mir kaufen, was ich wollte, und da habe ich Watte gekauft, als ich die Regel hatte.

© Amalia P., geboren 1933 in Wien

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Annemarie: Rot wie Blut?

Eigentlich wollte ich schon immer erwachsen und eine Frau sein – und das mit allen Problemen, die Mädchen in den Frauenzeitschriften wie Cosmo, Brigitte & Co. suggeriert werden: finde den richtigen BH, wie du Jungs um den Finger wickelst, oder ob du lieber Tampons oder Binden benutzen solltest. Und: Mein 12-jähriges Ich war ein absoluter Frauenzeitschriften-Junkie. Die Young Miss war dabei mein Lieblingsmagazin und hat in regelmäßigen Abständen natürlich auch über Regelbeschwerden berichtet. Ich wartete also quasi jeden Tag sehnsüchtig darauf, endlich das erhoffte Blut in der Unterhose zu finden, um endlich einen weiteren Schritt in Richtung des ersehnten Status als Frau zu gelangen. Im November 1996 war es dann endlich soweit: Noch etwas verträumt ging ich in der Früh aufs Klo und sah da etwas in meiner Unterhose, das eher aussah wie ein dunkler Johannisbeersirup-Fleck, nicht nach flüssigem Blut, wie es einem in den Tampon- und Binden-Werbungen mit der blauen Flüssigkeit eingeredet wird. Bewaffnet mit Klopapier stürmte ich also in die Küche, wo mir meine Mutter gerade das Pausenbrot schmierte. Ich hielt ihr halb panisch das Stückchen Papier mit Blut unter die Nase. Darauf folgte ein Ritt auf dem „Cotton Pony“ – der glaube ich größten Binde, die ich je in meinem Leben verwendet habe. Glücklich und gleichzeitig verunsichert, ob irgendjemand in der Klasse die Binde durch die Hose durchsieht, ging ich also in die Schule!

Von Ponys und Blumenwiesen

Nicht nur in den 1990er Jahren, sondern bis heute sind Werbungen zu Tampons und Binden fern von jeglicher Realität. Die blaue Flüssigkeit hat sich lange in den TV-Kampagnen gehalten und stellt nicht nur Frauen, sondern auch Männer vor große Fragezeichen. Dass frau mit gewissen Produkten alles machen kann und immer zu 100 Prozent funktionieren muss, entspricht jedoch einfach nicht der Wahrheit.

Die erdbeerwoche wird geboren

Obwohl ich quasi in einer Realität gewordenen Reformhaus-Filiale aufgewachsen bin und eines meiner typischen Kinder-Lieblingsessen nicht Schnitzel (Veggi bin ich auch, seit ich 10 bin), sondern Quinoa auf Bio-Ketchup gewesen ist, waren mir nachhaltige Frauenhygiene-Produkte damals nicht bekannt. Als bis zu diesem Zeitpunkt erfahrene und ausgebildete „Ökotussi“ war es dann mit Mitte 20 eine leichte Entscheidung, auch andere Frauen über die nachhaltigen Alternativen im Frauenhygiene-Bereich aufzuklären. Die erdbeerwoche war geboren! Eine Aussage, die mir dabei immer wieder begegnet: „Na, wenn sogar du solche Produkte wie eine Menstruationstasse bzw. Menstruationskappe benutzt, dann kann das ja nicht so schlimm und abnormal sein“. Ja, ist es nicht und ich liebe meine Arbeit und meine erdbeerwoche!

© Annemarie, geboren 1984 in München        www.erdbeerwoche.com

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Daria Hagemeister: Die erste Regel

Stell da vor, Elfi, was si mei Mann wieder geleistet hat“, sagte unsere Nachbarin zu meiner Mutter, „letzten Sunntag geht er aufs Klo und plötzlich schreit er: ‚Miezi, kumm schnell her, ich glaub, mir gehn die Gedärme ab!‘ Drauf schrei i z’ruck: ‚Du Huatbluman du, de Hendln hab i ausg’nommen und die Därm in die Klomuschl g’schmissn. Wann i a Paradeissauce einilaar, glaubst gar no, du kriagst de Regel.‘ No, Elfi, was sagst dazua?“

Als unsere Nachbarin wieder weg war, fragte meine jüngere Schwester Doris: „Du Mutti, was heißt eigentlich Regel?“ War ich froh, dass sie danach fragte! Ich selbst war wohl zu stolz, um zuzugeben, dass ich etwas nicht verstanden hatte. Doch die Erklärung blieb zunächst einmal aus. Vielleicht kann ich mich aber auch bloß nicht mehr an sie erinnern, weil ich sie ebenso wenig verstanden habe. Kurz darauf sagte meine Mutter zu mir: „Daria, ich muss einmal mit dir sprechen.“ Dieser Satz verhieß normalerweise nichts Gutes, also setzte ich mich mit einem etwas flauen Gefühl in der Magengrube mit ihr an den Wohnzimmertisch.

Du bist ja jetzt schon in der 4. Klasse“, sagte sie, „und kommst bald ins Gymnasium. Beim letzten Elternsprechtag habe ich mit einer Mutter gesprochen, deren Tochter bereits ihre erste Regel bekommen hat. Deshalb denke ich, dass es an der Zeit wäre, dass ich dir erkläre, was das ist. Also, wenn ein Mädchen schön langsam zu einer jungen Frau wird, bei mir selbst war das erst, als ich 14 Jahre alt war, aber heutzutage passiert das immer früher, bekommt es die Regelblutung. Wenn du also eines Tages Blut in deiner Unterhose siehst, musst du nicht erschrecken, denn das ist ganz normal.“

Blut?“, stieß ich entsetzt hervor. „Und das soll ganz normal sein?“, dachte ich bei mir. Meiner Mutter war es wohl entgangen, dass ich während ihrer Worte immer bleicher geworden war.

Unbeirrt setzte sie also ihre Erklärungen fort: „Einmal im Monat, genauer gesagt alle 28 Tage, bekommt jede Frau eine Blutung. Das Blut kommt zwischen den Beinen hervor, dort wo du die Öffnung hast, durch die einmal dein Baby geboren werden wird. Die Regel dauert dann circa 7 bis 10 Tage. Man verwendet Binden, die das Blut auffangen, oder Watte. Ich hatte immer schreckliche Krämpfe während dieser Zeit, aber das ist nicht bei allen Frauen so. Jeden Monat hatte ich Schmerzen, so schlimm wie Geburtswehen. Aber heutzutage gibt es auch schon gute Medikamente gegen diese Krämpfe. Während der Regel darfst du nicht am Turnunterricht teilnehmen und nicht schwimmen, da werde ich dir dann immer eine Entschuldigung schreiben müssen.“

Unter Krämpfen konnte ich mir etwas vorstellen. Bauchkrämpfe hatte ich manchmal, wenn ich Durchfall bekam, wenn ich das Falsche oder zu viel gegessen hatte. Doch wie fühlten sich Geburtswehen an? Davon hatte ich keine Vorstellung. Es war, glaube ich, auch das erste Mal in meinem Leben, dass ich erfuhr, dass eine Geburt wehtun sollte. Darüber hatte ich mir vorher noch nie Gedanken gemacht. Während ich noch nicht ganz begriffen hatte, war ich auch schon wieder von meiner Mutter entlassen.
Mein Kopf brummte. Mir war übel. Vor meinem geistigen Auge sah ich lauter rote Blutspritzer. Das mir, die ich ohnedies gar kein Blut sehen konnte, ohne einer Ohnmacht nahezukommen! Ich erinnerte mich an alle diese kleineren und größeren Verletzungen, die ich in meinem Leben bereits gehabt hatte, versuchte mir die Schmerzen von damals wieder ins Gedächtnis zu rufen. Alle aufgeschlagenen Knie. Der blutende Gaumen, als ich mir den Federballschläger in den Mund gerammt hatte. Die aufgeschnittene Hand, als ich aus Wut einmal in die Fensterscheibe geschlagen hatte. Es schüttelte mich.

Jeden Monat! Nein, nicht mit mir!“, dachte ich. Ich musste an die Stigmatisierten denken, die die Wundmale Christi trugen. Meine Mutter besaß ein Buch über Pater Pio, dessen Stigmata manchmal Gesprächsthema bei den sonntäglichen Besuchen meiner Tante waren. Ich hatte ab und zu darin geblättert und die blutigen Male mit Schaudern betrachtet. „Jeden Monat“, wiederholte ich im Geiste, „7 bis 10 Tage lang. Und nach 28 Tagen wieder. Da bleiben ja nur 18 bis 21 Tage dazwischen ohne Blutungen. Wie schrecklich! Menschen werden dafür heiliggesprochen, dass sie an Händen und Füßen oder an ihrer Seite von Zeit zu Zeit bluten. Wie heilig müssen dann erst alle Frauen sein, die allesamt jeden Monat zwischen ihren Beinen mehrere Tage lang bluten müssen? 7 bis 10 Tage jeden Monat, das ist ein Viertel bis ein Drittel ihres Lebens! Wie schrecklich! Und das hört nie auf? Dieses Leiden geht unser ganzes Leben so weiter? Welchen Sinn hat denn dann das Leben einer Frau noch?“ Nein, ich wollte keine Frau mehr sein!

Am Wochenende holte mich mein Vater mit dem Auto ab. Wir fuhren zu ihm nach Hause, zu seiner Frau und ihrer Tochter, meiner Stiefschwester Ilse. Ilse war eineinhalb Jahre älter als ich. Wir tollten den ganzen Tag im Park und in der Wohnung herum. Am Abend nach dem Nachtmahl drehten wir das Radio auf und beschlossen zu tanzen. Ilse forderte mich auf. Plötzlich sagte sie: „Ich tät die Frau sein und du der Mann. Weißt du auch warum?“ Ich blickte sie an, ließ meinen Blick an ihrem Körper nach unten gleiten und entdeckte das erste Mal, dass sich ihre Brüste unter ihrem Kleid zu wölben begannen. „Deshalb?“, fragte ich und strich zaghaft und ein wenig schüchtern mit meiner Hand über ihre kleinen, harten Brustwarzen, die sich durch den Stoff hindurch abzeichneten. „Nein“, sagte sie und wich entsetzt zurück, „weil ich ein Kleid trage und du eine Hose.“ „Ach so“, antwortete ich enttäuscht. Doch durch die Berührung war etwas zu mir übergesprungen. Etwas, das ich nicht zu benennen wusste. Eine Regung, die ich vorher nicht gekannt hatte. Im Laufe des Tanzes versuchte ich mein rechtes Bein immer weiter zwischen ihre Schenkel zu schieben, bis es die Stelle berührte, aus der sie einmal bluten würde. Ob sie es wohl auch wusste? Und auch Angst davor hätte?

An jenem Abend kam sie zu mir ins Bett, kroch unter meine Decke und flüsterte mir ins Ohr: „Komm, wir spielen Mann und Frau!“ Dann legte sie sich auf mich und begann mich zu küssen. Fest pressten wir unsere Körper aneinander, ich streichelte ihre langen, schlanken Beine, ihr goldenes Haar. „Glaubst du“, sagte sie plötzlich, „dass wir das beichten müssen?“ „Vielleicht sollten wir unser Abendgebet sprechen und Gott dabei gleich um Verzeihung bitten“, meinte ich. Gesagt – getan. Seit damals waren wir ein unzertrennliches Paar. „Wenn ich alt genug bin, werde ich dich heiraten“, versprach ich ihr.

Ich ließ mir einen Herrenhaarschnitt verpassen und trug nur mehr Hosen und Hemden. Unter der Woche träumte ich von meiner Stiefschwester und wenn Doris und ich am Wochenende zu unserem Vater fuhren und mit seiner neuen Familie gemeinsam Ausflüge machten, ging ich mit Ilse stets eng umschlungen. Je mehr ich zu einem Buben wurde, desto mädchenhafter gab sich Ilse.

Mutti“, sagte ich, dann wieder daheim, „wenn ich 18 Jahre alt bin, möchte ich eine Geschlechtsumwandlung machen.“ Geschlechtsumwandlungen waren damals in aller Munde. „Und dann werde ich Ilse heiraten“, erklärte ich. Als Frau wollte ich auf keinen Fall mehr weiterleben. Als Frau wäre mein Leben verwirkt und absolut nicht lebenswert, dachte ich. Ich war fest entschlossen, mich umzubringen, wenn mir die Geschlechtsumwandlung verweigert werden sollte. Was meine Mutter darauf entgegnete, weiß ich heute nicht mehr. Doch kann ich mich auch nicht erinnern, dass sie mir diese Idee vehement ausreden wollte. Vielleicht dachte sie bloß: Kommt Zeit, kommt Rat.
Die Monate vergingen. Und plötzlich wurde meine Mutter nochmals schwanger. Ziemlich zur selben Zeit bekam ich meine erste Regelblutung. Ich hatte kaum Schmerzen und das Blut kam, als ich gerade auf der Toilette war.

Das Baby im Bauch meiner Mutter wuchs heran, wir durften es durch die Bauchdecke streicheln, wir fühlten es wachsen und strampeln. Ich begann, mütterliche Gefühle für dieses kleine Ungeborene zu entwickeln. Bald verstand ich auch den Zusammenhang zwischen der Regel und dem Baby, obwohl ich mich an die konkrete Situation, die mir diese Erklärung geliefert hatte, nicht mehr erinnern kann. Ich ließ meine Haare wieder wachsen. Ilse und ich waren nun kein Paar mehr, sondern zwei gute Freundinnen, die sich für Buben zu interessieren begannen.

Als ich eines Tages gemeinsam mit Doris von der Schule heimkam, stand die Nachbarin in unserer Wohnungstür: „A Mentscherl habts“, verkündete sie. Enttäuscht war ich schon, dass das Baby kein Bub war, doch von dem Augenblick an, als ich meine kleine Schwester das erste Mal sah, liebte ich sie abgöttisch. Und als ich sie im Steckkissen zum Kinderarzt trug, machte ein Passant die Bemerkung: „Na, Madl, hast a scho was Klaans?“ Stolz lächelte ich meine Mutter an und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Rein biologisch ginge es sich ja aus. Kannst du dich noch erinnern, Mutti? Als du gerade schwanger wurdest, hatte ich meine erste Regel.“

© Daria Hagemeister, geboren 1956 in Wien

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Astrid Roenig: Wechsel? Ja, ich will!

Meine Regelblutung war sehr launisch in letzter Zeit. Alle zwei Wochen. Nur wenige Tage lang, dafür extrem stark. Also mache ich mir einen Termin bei meiner Gynäkologin aus.
Und siehe da, sie hat gute Nachrichten für mich: Ich bin offensichtlich im Vorwechsel. Mit 41? Ja, das kann schon mal sein.

Ich spüre Erleichterung. Mir hat meine Fruchtbarkeit mein Lebtag lang keine Freude bereitet. Ich habe meinen Lebensweg nie als Mutter gesehen. Nicht als Jugendliche und auch später nie.

Doch, natürlich mag ich Kinder! Aber eben keine eigenen. Man muss ja nicht alles, was man mag, selbst haben. Hat vielleicht mit meiner früheren Tätigkeit als Clown zu tun. 15 Jahre Kindergeburtstag, Sie verstehen? Oder mit meiner heutigen Tätigkeit als Trainerin. Genug Gelegenheit, etwas weiterzugeben, wie Sie sich vorstellen können.
Seltsam … Ich habe immer wieder das Gefühl, mich als Frau in diesem Punkt erklären zu müssen. Mich quasi dafür rechtfertigen zu müssen, nicht meiner biologischen Bestimmung zu folgen. Ich kenne viele kinderlose Männer. Keiner hat sich mir gegenüber jemals dafür gerechtfertigt.
Aber zurück zum Wechsel. Ich freue mich nun schon seit Wochen auf die viel zitierten Wallungen! Mir ist im Schnitt neun Monate pro Jahr kalt. Selbst im Sommer befinden sich immer Strumpfhose und Weste in meiner Handtasche. Man weiß ja nie. Dem Schrecken „Winter“ breche ich jedes Jahr die Spitze ab, und verbringe das kälteste Monat des Jahres in den Tropen.

August 2015. 32°C. Ich fühle mich wohl. Draußen. Jetzt stehe ich allerdings vor dem Kühlregal. Im Supermarkt. Ich spüre in mich rein. Hm. Dauert wohl noch, denke ich und produziere die Weste aus meiner Handtasche hervor. Geduld, sage ich mir. Immerhin habe ich ja auch noch Blutungen.

Manchmal frage ich mich, wie Männer es schaffen, sich diese wunderbare Kindlichkeit, die ich an ihnen so schätze, ein Leben lang zu erhalten. Ich brauche meist erst einen kleinen Hormonschub, um damit wieder in Kontakt zu kommen.
Mit dem ersten Geschlechtsverkehr beginnt für jedes Mädchen die Zeit der Verantwortung. Oft tragen wir sie alleine. Mutterseelenalleine heißt es so schön. Wenige meiner Partner haben bisher diese Verantwortung aus freien Stücken gerecht mit mir geteilt.
Mehr als zwei Jahrzehnte hindurch habe ich völlig unreflektiert die Antibabypille geschluckt. Vor zweieinhalb Jahren habe ich dann seltsame Schwellungen und die Diagnose „Spontane Urtikaria mit Angioödemen“ bekommen. Schmerzt, juckt, entstellt oder macht Angst. Je nachdem, welches Körperteil sich spontan dazu entschließt, anzuschwellen. Ferse, Knie, Lippe oder Luftröhre. Zahllose schulmedizinische Untersuchungen und einige alternativmedizinische haben keine Ursache zutage gefördert. „Das können S´ gleich lassen. Da finden S´ eh nichts!“ hat mir einer der ersten Ärzte, bei denen ich versucht habe, der Sache auf den Grund zu gehen, versichert. Hätte ich ihm vertraut, hätte ich mir einiges an Frustration, Wartezeit und Kosten erspart.

Heilbar ist die Erkrankung schulmedizinisch nicht. Alternative Therapien haben auch keine Wirkung gezeigt. Zumindest die Symptome kann die Schulmedizin lindern. Dennoch kann ich mich nicht zu einer Dauermedikation entschließen. Ich schlucke bei Bedarf Tabletten, um eine entstandene Schwellung am Weiteranschwellen zu hindern. Es kommt ja auch nicht regelmäßig vor, sondern eben nur spontan. Aber chronisch. Und zwar so lange, bis die Krankheit von selbst wieder verschwindet. Das tut sie immerhin bei 50% der Patienten binnen zehn Jahren, sagt mein behandelnder Arzt. Hab ich also nur noch acht. Weil zu den 50%, die Glück im Leben haben, gehöre ich meiner Erfahrung nach jedenfalls.
Einer der Risikofaktoren für diese Erkrankung sind die Hormongaben, die in der Antibabypille enthalten sind. Meine Bereitschaft, so zu verhüten, ist nach Kenntnis dieser Tatsache natürlich auf Null gesunken. Seither ist das Thema Verhütung immer wieder ein emotional befrachtetes Widerstandsthema meiner Beziehungspartner.

Ich verstehe die Männer in dieser Sache nicht: In Österreich haben sich laut Medizinischer Universität Wien im Jahr 2014 über 400 Menschen mit AIDS neuinfiziert. Fast 80% davon waren Männer¹.

Dennoch: das „bessere Kennen“ einer Person reicht vielen Männern, mit denen ich darüber gesprochen habe, als Argument für ungeschützten Geschlechtsverkehr vollkommen aus. Und ja leider, das waren durch die Bank gebildete Männer.
Ein AIDS-Test ist, meiner Erfahrung nach, nach wie vor ein Tabuthema statt einer Selbstverständlichkeit zwischen Partnern.
Ein Mann, der mir bei der ersten intimen Annäherung mit einer Unter-Anführungszeichen-Stimme etwas von „Gummi-Allergie“ ins Ohr säuselt, schließt sich selbst aus dem Kreis meiner potentiellen Sexualpartner aus. Wenn sich jemand um die eigene Gesundheit keine Sorgen macht, dann sehe ich allen Grund, mir welche um meine zu machen. Und ja, es gibt sie tatsächlich noch, die Männer, für die Sex mit Kondom gar nicht zur Debatte steht.
Ich habe einige Male meinen Gynäkologen gewechselt. Die Frage, die ich beim Erstgespräch immer wieder gestellt bekomme, ist: „Wie viele Schwangerschaften – wie viele Abtreibungen?“ Wenn ich mit „0-0“ antworte, ernte ich stets einen verblüfften Blick.
Da frage ich mich:

Kann es wirklich so viele ungewollte Schwangerschaften trotz Verhütung geben?
Oder lassen sich Frauen mit „Gummi-Allergie-Argumenten“ tatsächlich flach…reden?
Oder gibt es tatsächlich so viele Frauen, die ihre Gesundheit für Sex ohne Kondom aufs Spiel setzen?

Und wie viel Prozent aller Kinder sind eigentlich gewollt?

Einsam saß sie da, Günther sagte „Na, hat Werner wohl die Zeit vergessen?“
Meine Mutter schwieg und nickte stumm. Er gab ihr einen aus, dann wollt sie nach Haus – pünktlich sein zum Abendessen. Günther sagte: „Komm, ich fahr dich rum!“
Wo ist der tiefere Sinn, wenn ich doch bloß geboren bin,
weil die Karre von Günther liegen blieb? Denker und Genies, Intellektuelle, Sport und Politik und auch Kriminelle, ganz Rom, Berlin, Paris, wir sind ursprünglich nur kleine Zwischenfälle.“²

Frauen tragen vom ersten Sex an die Verantwortung. Was bleibt ihnen. Sie tragen ja auch die Folgen aus. Entwickeln sich deshalb Mädchen und Burschen bereits in der Pubertät so unterschiedlich? Macht die Verantwortung Mädchen frühreifer? Frauen ernster?

Oktober 2015. Gestern habe ich das Ergebnis meiner Hormonstatusuntersuchung bekommen. Fehldiagnose. Schade: der Vorwechsel war nur eine Schimäre. Also weiter in der Verantwortung auf beiden Ebenen.

¹http://derstandard.at/2000011072292/Weniger-HIV-Infektionen-in-Oesterreich-neu-diagnostiziert Abruf: 12.10.15
²Aus: „Kleine Zwischenfälle“, Text: Frank Ramond, interpretiert von Annette Louisan.
© Astrid Roenig, geb. 1973
Mehr lesen: http://www.showandact.at/publikationen/

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Irmgard Reinelda: „Ich war schon fast 14 …“

Meine erste Regel bekam ich, als ich schon fast 14 war. Da mein Vater mich sorgfältig auf diesen natürlichen Vorgang im Leben einer Frau vorbereitet hatte (meine Mutter war schon lange gestorben!), war das kein großes Ereignis für mich. Allerdings war ich während dieser Zeit in meinem ganzen Leben nie sehr „glücklich“.

Oft war das Unwohl-Sein von Bauchkrämpfen begleitet. Starke Blutungen sammelten sich nicht nur in den dafür vorgesehenen Binden, sondern auch in der darunter befindlichen Unterwäsche. Der von den vollgesaugten Binden ausgehende dumpfe Blutgeruch störte meine empfindliche Nase. Am unangenehmsten für mich aber war die beständige Unregelmäßigkeit, mit der meine Blutungen einsetzten. Eine gewissenhafte Familienplanung war dadurch erheblich erschwert. Ich kann von Glück reden, dass ich niemals eine Abtreibung vornehmen musste. Obwohl ich nicht religiös bin, hätte das eine starke psychische Belastung für mich bedeutet.

Als es allmählich dem Klimakterium zuging, dauerten meine Blutungen unverhältnismäßig lang, oft vierzehn Tage! Ich musste mehrere Kürettagen über mich ergehen lassen, um zu verhindern, dass eventuell ein bösartiger Tumor übersehen wurde. Die Ursache war aber immer „nur“ eine sogenannte „hormonelle Störung“. Außerdem entwickelte sich bei mir ein chronischer Eisenmangel mit so unangenehmen Begleiterscheinungen wie ständige Müdigkeit etc.

Im 46. Lebensjahr bekam ich auf einmal eine überaus starke Blutung. Es sollte meine letzte Regel sein. Meine Frauenärztin wies mich darauf hin, dass erst dann der Wechsel ganz sicher eingetreten sei, wenn innerhalb eines ganzen Jahres nach dieser starken Blutung keine weiteren mehr kämen. In dieser unsicheren Zeit sei die Gefahr eines sogenannten „Wechselbalges“ ziemlich groß. Ich erinnere mich, dass ich mir in diesem „verflixten“ Jahr ziemlich oft einen Schwangerschaftstest aus der Apotheke geholt habe …

Mit noch nicht ganz 46 war ich also schon im Wechsel! Mein Eisenmangel verschwand ganz von alleine. Ich hatte keinerlei Wechselbeschwerden, benötigte keine Medikamente, kurz – ich fühlte mich durchaus wohl. Und das ist bis jetzt so geblieben. Jetzt bin ich 74 und fühle mich in meiner Weiblichkeit in keiner Weise beeinträchtigt, sondern freue mich meines Lebens.

© Irmgard Reinelda, geboren 1941 in Wien

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Gerlinde: zurück aus deinen armen

zurück aus deinen armen
in denen ich nicht gelegen bin
am ufer des flusses
dessen namen
nicht in deinen gedanken gespeichert war

auf der flauschig moosgrünen decke
aus deinen armen gebreitet
darüber das blendend weiss des himmels
das sich in meine augen legt
und meine hände
schützen die iris vor deinem gestreiften blick

rücken an rücken
die gequälten seiten der göttinmutter zugewandt
während du
mit lilith in roten gedanken
durch die lüfte schwebst

versinke ich im grün des gebirgswassers
das sich tosend – fauchend – ungestüm – lachend
durch die stein- und mooswelten schlängelt, bricht
kämpft und breitet

unendlich breitet
sich meine sehnsucht
zu deiner wehmut und
die traurigkeit
die dein herz entfacht
eint unsere vergangenheit

© Gerlinde Hacker, geboren 1961 in Graz

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Kathrin Sieder: Das erste Mal menstruieren

Die Zeit davor …

Ich glaube, ich war 13 Jahre alt, oder doch 14? Keine Ahnung! Ich weiß noch genau, dass meine beste Freundin Christine die Menstruation schon hatte und Binden verwendete und Schmerzen hatte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich mich darauf gefreut hab oder nicht. Spüre jetzt ein neutrales Gefühl dazu. Mit meiner Mutter habe ich sicher schon drüber gesprochen.

Der erste Tag

Es war Sommer. Ich war in Tirol im Haus meiner Eltern. Meine Freundin Christine und ich haben am Dachboden die Nacht verbracht. Mädchenraum. In der Früh bin ich die Stufen runtergegangen und ein Schwall Blut war zwischen meinen Beinen. Ich wusste, dass es die Menstruation war. War trotzdem erstaunt, dass da jetzt Blut da ist. Meine Freundin ist hinter mir gegangen und hat auch das Blut auf meiner Hose gesehen. Meine Mutter hat mir dann eine Wegwerfbinde gegeben und ich hab sie mir in die Unterhose eingelegt. Wahhh, hat sich das scheiße angefühlt, wie eine Windel. „Was, mit dem soll ich jetzt rumlaufen?“, dachte ich mir, „das geht ja gar nicht.“ Das Knistern hat man auch gehört. Ich spüre jetzt noch das Gefühl der Scham, und niemand darf es mitbekommen.

Hab dann gleich am ersten Tag versucht, Tampons zu verwenden, doch bis dahin wusste ich nicht, dass ich da noch einen Eingang habe. So lief ich zu meiner Mutter und unter Tränen erklärte ich ihr, dass ich das nicht kann und ich das nicht finde, wo der Tampon reingehört.

Ich hab’s dann doch noch geschafft und es hat wehgetan. Ich hab es außerdem die ganze Zeit gespürt. Der Tampon musste deswegen weiter rein, „noch weiter rein“, schrecklich. Ich tat es trotzdem, weil ich ihn weghaben wollte.

Reaktionen der Umwelt

Meine Mutter hat mich mit meinen Problemen angehört und mir geholfen, mich „besser“ zu fühlen. Es wurde kein „Tamtam“ daraus gemacht und es wurde auch nicht bejubelt. Ich glaube, mein Vater hat sich gefreut. Meinen Brüdern wars egal, und meine Freundin? Keine Ahnung … .

© Kathrin Sieder, geboren 1983 in St. Andrä-Wördern

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Marianne: Ich habe gewusst, dass da etwas auf mich zukommen wird

Im August 1950 war ich 14 Jahre und im September habe ich die Regel bekommen. Ich war sehr klein und dünn. Mein Körper hat sich erst mit 18 gerundet und wurde weiblicher. Von meinen Schulfreundinnen habe ich schon gewusst, dass da etwas auf mich zukommen wird. Als letztes von vier Kindern war ich die Einzige, die noch zu Hause lebte. Man hat Watte gehabt. Erschrocken bin ich nicht, als die Regel dann kam, aber überrascht war ich schon. Ich habe mich jeden Monat gefürchtet, weil ich am ersten Tag so starke Krämpfe hatte. 6–8 Tage blieb die Regel meistens. Später, als ich schon einem Beruf nachging, habe ich mich nach der Arbeit zu Mittag immer hingelegt, weil ich an diesen Tagen so erschöpft war. Nach dem ersten Kind waren die Schmerzen nicht mehr so stark wie davor.

© Marianne G., geboren 1936 in Wien

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Christine: das gfrett mit der regel

schon früh, im alter von 12 jahren, erlebte ich, dass weiblichkeit mit scham behaftet ist/war. meine mutter klärte mich zwar auf, dass ich irgendwann blutungen bekommen werde – ich merkte aber, dass ihr das sprechen darüber unangenehm war und wurde durch ihre scham beschämt. ich entlastete sie, indem ich kurz verkündete, „eh alles zu wissen“ und sie daher erleichtert zu sprechen aufhören konnte.

durch meine klassenkolleginnen hatte ich wirklich schon vorher von monatsblutungen erfahren – sehr geheimnisvoll, der turnlehrerin eine entschuldigung ihrer mutter zeigend, nahmen immer wieder mädchen auf den bänken im turnsaal platz, da sie vom turnunterricht „befreit“ waren.

ich turnte zwar wahnsinnig gern, beneidete die „zuseherinnen“ aber maßlos, weil sie schon „dazugehörten“, sie waren schon initiiert, waren quasi schon kleine frauen. ich war eine der wenigen, die mit 11½ die periode immer noch nicht hatte und mich daher als noch nicht dazugehörig zu den erwachsen scheinenden klassenkolleginnen fühlte – ich sehnte meine blutung also herbei.

passiert ist mir die allererste regel dann völlig unpassend und unvorbereitet. ich fuhr mit meinen eltern nach deutschland. wir machten eine städtereise. im zuge dessen wollte mein vater, es war das jahr 1964, einen soldatenkameraden, den er 1945 als junger bursch kennengelernt hatte, in münster besuchen. wir kamen zur jause dort an – sein „kamerad“, den er sicherlich nicht erkannt hätte, hätte er ihn irgendwo auf der straße getroffen, war verheiratet und hatte zwei kinder. sie lebten in einem kleinen häuschen mit garten. kurz bevor wir am abend wieder aufbrechen wollten, schlug die frau des bekannten meines vaters vor, dass ich lieber für ein paar tage bei ihnen bleiben sollte, da ich mit den zwei töchtern – eine ungefähr gleich alt wie ich, eine jünger – spielen und meine eltern in ruhe städte besichtigten könnten. da kein platz zum schlafen für ein zusätzliches kind vorhanden war, gab es den vorschlag, dass ich eben mit der ungefähr gleichaltrigen zusammen im bett liegen sollte. ich kann mich noch erinnern, dass wir am abend lange miteinander redeten und die kleinere dann auch noch zu uns ins bett kam. ich lag eingezwängt in der mitte.

in den frühen morgenstunden wachte ich auf, weil etwas komisch war. ich merkte sofort: unter mir ist es feucht und wohlig warm. zuerst dachte ich, dass ich mich angemacht, also im schlaf uriniert hätte. ich wusste nicht, was ich tun sollte – links und rechts von mir schliefen die mädchen noch. im haus war auch alles still. ich getraute mich nicht, mich zu rühren, damit ich meine zwei bettgenossinnen nicht aufweckte. ich genierte mich fürchterlich – wir hatten uns zwar gut verstanden, waren einander im grunde aber noch nicht sehr vertraut. schließlich bewegte ich mich doch. ich wollte unauffällig aufstehen und mich der schmutzigen pyjamahose unbemerkt entledigen.

dieser versuch schlug kläglich fehl! die zwei mädchen wachten auf, als ich gerade dabei war, aus dem bett zu steigen und sie daher meine hinterseite gut sehen konnten. eine von ihnen rief: „du bist ja ganz blutig!“ siedend heiß kombinierte ich, was diese blutung wohl bedeuten musste – die kleinere wusste offenbar noch nicht bescheid, die beiden mädchen tuschelten und ich wäre am liebsten im boden versunken. ich stand da mit blutiger hose, ausgesetzt fremder umgebung, preisgegeben neugierigen blicken. die mädchen holten schließlich ihre mutter. heute denke ich, dass das vielleicht ein glücksfall war, denn diese fremde frau reagierte gelassener und normaler, als meine mutter es wahrscheinlich getan hätte. sie gab mir eine binde, einen bindengürtel und erklärte mir deren handhabung.

o.b.s – meine retter!

mit der frauwerdung trat ich ein in eine welt der binden, der bindengürtel, des Nicht-mehr-schwimmen-gehen-Könnens, in eine welt – bis auf mein erstes mal – der schmerzen. die monatsblutung konnte mir gestohlen bleiben!

damals gab es noch keine binden mit klebestreifen auf der unterseite, so dass man sie in der unterhose befestigen konnte. eine binde bestand aus einem fliesstück, welches in einem stoffnetz verpackt war. vorne und hinten war genug stoffnetz übrig, so dass man dieses in den bindengürtel einhängen konnte. der bindengürtel bestand aus einem hautfarbenen, circa 2 cm breiten gummiband, in das man hineinschlüpfte und das an der taille festsaß. vorne und hinten hing ebenfalls ein hautfarbenes gummiband herab, an dessen ende halterungen vergleichbar einem strumpfbandgürtel befestigt waren.

beim urinieren musste man den bindengürtel samt binde hinunter zu den oberschenkeln ziehen, um auf der wc-muschel platz zu nehmen. so konnte frau die eigene blutung betrachten und riechen. – das war durchaus nicht unangenehm, stellte aber zumindest den einzigen „vorteil“ gegenüber den (mir?) noch nicht zur verfügung stehenden tampons dar.

ha! o.b.s! da könnte ich doch glatt werbung machen!!! was stellten sie doch für eine befreiung dar! einige aus der klasse hatten sie schon. ich war 15 und besorgte mir erstmals welche. damit schloss ich mich am klo ein. was tun? natürlich wusste ich, wohin man sie schob – aber wie tief rein? konnte ich mich verletzen? unsicherheit machte sich breit – aber auch entschlossenheit. ich wollte am nachmittag mit freundinnen ins bad – besonders attraktiv für den schwimmbadbesuch für mich war ein typ, der auch immer mal wieder in unserer clique herumhing. den wollte ich mir diesen nachmittag nicht entgehen lassen! also: o.b. rein! ich hockte mich im klo nieder und schob das ding in mich. ich schob, ich drückte an – aber so richtig verschwand der tampon nicht. nach zahlreichen versuchen schaute das o.b. zu guter letzt immer noch 1–2 cm aus meiner vagina heraus. trotzdem war ich stolz! endlich keine binden mehr! ich bewegte mich zwar sicherlich etwas eigenartig – schließlich störte das hervorstehende ob beim gehen und vor allem beim hinsetzen, ja es tat sogar weh. um nichts in der welt hätte ich es aber wieder herausgezogen und gegen eine bekannte binde vertauscht. so verbrachte ich schließlich diesen tag im bad – die einzige sorge war, dass man bei meiner bikiniunterhose mein hervorstehendes ob wahrnehmen könnte, das wäre natürlich peinlich für mich gewesen. ich presste daher meine beine zusammen und war etwas unlocker. trotzdem war das ein besonderer tag. denn schwer war nur der beginn. ich lernte rasch mit dem tampon umzugehen und eine neue ära in der periodenblutung brach damit für mich an.

© christine cézanne-thauss, geboren 1952 in Wien

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katja grach
mahagoni auf porzellan

beißt in meine brust
wie in ein dick beschmiertes butterbrot
gierig bin ich
dreh dich auf alle seiten
zieh dich heran
drück dich hinab
zieh an deinen dicken roten locken
zähl die härchen, die sich bei dem schauer sträuben
fließen ineinander
speichel schleim blut
ich sei so wohlig warm
wie eine drachenhöhle
meinst du
wenn mein feuer an dir klebt
und dich durch das dunkle unterholz
wie in einem märchenwald gewagt hast
wie du sagst

ich weiß nicht ob ich komme
von der reibung
längst bist du nicht mehr in mir
aber meine brustwarzen brennen vor erregung
wenn du mich beißt
meine härchen beobachtest
wie sie sich im schauer sträuben
mahagoni auf porzellan
es regnet nicht mehr draußen
ich grab mich in das kupferne federbett auf deiner brust
wir schlafen ein auf einem gemälde von nitsch
sonntag nachmittag ist es am schönsten
© katja grach, graz, geb. 1983

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Christine: Ich war sehr zeitig dran!

Mit 12 Jahren habe ich die Regel schon bekommen. Ich war sehr zeitig dran! Heute ist das üblich bei den jungen Mädchen, die sind früher reif. Aber ich habe von meinen Freundinnen und auch von meinen Schulkolleginnen nichts darüber gewusst. Ich war überrascht, als die Regel kam, und bin zu meiner Mutter gegangen. Die erste Zeit hatte ich starke Schmerzen, Krämpfe und Kopfschmerzen und die Periode ist unregelmäßig gekommen, manchmal ist sie drei Monate ausgeblieben. Ich habe viele Medikamente ausprobiert, aber erst durch die Hormone – mit der Pille – ist es dann in Ordnung gekommen, da sind auch die Kopfschmerzen ausgeblieben und die Regel kam wie ein Uhrwerk, bis ich 58 Jahre war, dann blieb sie mit einem Schlag weg.

© Christine A., geboren 1950 in Pichling bei Linz