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Interview mit Anna, geboren 1998
Interviewerin: Andrea Pierus

„Ja ich darf Schokolade essen, ich habe die Tage!“

Interviewerin: Wie alt warst du, als du die Regel bekommen hast? Wie war das für dich, wie fühlte es sich an?
Anna: Ich war elf Jahre alt und es war im April, da habe ich sie das erste Mal bekommen und es war witzig weil wir haben gerade die Stunde davor – es war in der Schule – über die Regel und den Zyklus und alles gesprochen und genau dann, in der Pause danach, habe ich sie das erste Mal bekommen. Aber das war nur einen Tag lang und nur ein bisschen. So richtig bekommen habe ich sie erst in den Sommerferien, im Juli, auf Urlaub. Ich glaube, ich fand es in dem Moment nicht so toll, es war komisch, dass da etwas aus mir rauskommt, dass ich blute. Meine Mama war so aufgeregt – ich war am Klo – und meine Mama rief: „Oh, mein Baby wird eine Frau!“ Für mich war das ein bisschen unangenehm, weil es ungewohnt war.
Interviewerin: Wie war es im Vorfeld. Warst du aufgeklärt? Was hast du schon gewusst, über die Periode – von wem hast du Info´s bekommen?
Anna: In der Schule, wo wir das in der Stunde davor besprochen haben. Ich weiß es jetzt nicht mehr ganz genau, aber bestimmt auch von meiner Mama – weil ich mit meinen Eltern sehr verbunden bin und ein gutes Verhältnis habe und deshalb wusste ich sicher schon vorher mehr.
Interviewerin: Also du hast dich nicht unvorbereitet gefühlt, du hast gewusst, die Periode kommt.
Anna: Ja, ich wusste es und es war voll okay. Nur zu dem Zeitpunkt war es dann gerade so „Oh Gott, ist das jetzt wirklich so?“, und meine Mama hat ein großes Trara daraus gemacht.
Interviewerin: Führst du Aufzeichnungen über deinen Zyklus?
Anna: Ich sollte es machen. Theoretisch – manchmal – aber nicht wirklich. Nein, ich merke es mir meistens, wann ich sie cirka bekommen sollte.
Interviewerin: Du hast sie regelmäßig… ?
Anna: Ja, ich habe sie immer regelmäßig. Von Anfang an schon, ab dem Juli, und ich spüre es auch am Tag davor, dass sie jetzt kommen wird.
Interviewerin: Woran spürst du es?
Anna: Ich habe – es ist kein Bauchweh – aber es ist ein Ziehen im Bauch und ich habe auch ein bisschen mehr Schleim und ich fühle mich aufgebläht und der Rücken – aber das Rückenweh kommt erst, wenn sie dann da ist.
Interviewerin: Gibt es einen Diskretionsrahmen? Wie gehst du im Beisein von Männern (Vater, Brüder, Schulkollegen, Freund, …) mit der Periode um?
Anna: Bei meinem Papa ist es genauso wie mit meiner Mama, ganz offen. Ich jammere auch vor ihm und so und er weiß auch, wann ich meine Tage habe. Ich kann schon darüber reden, aber ich werde es nicht sofort jemandem erzählen, wenn ich meine Tage habe, – egal ob Frau oder Mann. Prinzipiell habe ich kein Problem damit auch mit Männern darüber zu reden.
Interviewerin: Und in der Schule beim Turnen?
Anna: Ich turne mit. Manchmal, am ersten Tag habe ich sehr starke Bauchschmerzen, vor allem wenn ich im Stress bin, da jammere ich schon ein bisschen. Das bekommen auch die Burschen mit und auch meine Freunde. Oder so dieser Spruch: „Ja ich darf Schokolade essen, ich habe die Tage!“
Interviewerin: Sprecht ihr in der Schule über die Periode – die Mädchen untereinander? Helft ihr euch, wenn du sagst, du hast Schmerzen?
Anna: Ja, wenn eine Schmerzmittel da hat oder wenn jemand die Binde vergessen hat, oder wenn wir gerade am Klo sind und eine sagt: „Ich habe gerade die Tage bekommen“, dann sagt die andere: „Ich sollte sie auch morgen bekommen.“
Interviewerin: Machst du Sport während der Periode?
Anna: Ja, wenn ich Krämpfe habe dann hilft es mir wenn ich laufen gehe, das löst die Krämpfe.
Interviewerin: Du hast also eine Strategie, was du machen kannst, wenn du Krämpfe hast!
Anna: Ja. Manchmal habe ich keine Zeit dafür. Es kommt darauf an. Ich mache auch Kampfsport und es gibt auch Tage, da bin ich nicht ins Training gegangen weil ich wusste, dass wir Würfe machen werden und ich mich unwohl gefühlt habe, weil es doch wehgetan hat. Laufen hilft da eher.
Interviewerin: Fühlst du dich eingeschränkt wenn du Schmerzen hast?
Du gehst laufen, machst du auch alles andere?
Anna: Am ersten Tag schon, weil das Sitzen ist unangenehm, aufrecht sitzen, alles ist unangenehm. Wenn ich gestresst bin ist alles unangenehm.
Interviewerin: Hast du schon einen Freund?
Anna: Nein.
Interviewerin: Dann fällt diese Frage weg: Hast du Sex während der Periode…
Anna: Ich glaube, ich würde keinen Sex während der Periode haben wollen.
Interviewerin: Wie ist deine Familie mit deiner Fruchtbarkeit umgegangen? Wie handhabst du das?
Anna: Bei meiner ersten Periode, wie ich schon erzählt habe, war meine Mama ein bisschen überdreht und hat sich gefreut, dass ihr Baby jetzt eine Frau ist und mein Papa – er hat es nicht ignoriert, aber er war nicht so involviert.
Interviewerin: Aber so die Panik wie bei meiner Mutter, du könntest jetzt schwanger werden?
Anna: Nein, das war überhaupt nicht. Meine Mutter hat sich, glaube ich, gefreut. Ich glaube, sie war ein bisschen stolz, dass ich eine Frau bin.
Interviewerin: Und bei dir?
Anna: Im Moment damals war es: „Uhh, jetzt schon! Oh mein Gott, ich weiß nicht was passiert!“ Aber es ist schon ein gutes Gefühl, dass man ein Kind bekommen könnte. Es ist halt ein bisschen unnötig, dass man sie jeden Monat vier oder fünf Tage oder eine Woche hat – weil der Körper könnte ja schon nach einem Tag wissen, dass ich kein Kind will.
Interviewerin: Wie prägen die Erfahrungen mit der Periode dein Körpergefühl? Wie erlebst du dieses jeden Monat Wiederkehrende?
Anna: Es ist schön irgendwie. Ich habe durch die Periode gelernt, dass ich auf meinen Körper vertrauen kann und mittlerweile schon einen Tag vorher spüre, wenn sie kommt und nicht schon vier Tage vorher zur Sicherheit eine Binde reingeben muss. Das ist schon schön, dass ich meinen Körper richtig deuten kann. Ich finde es auch interessant, dass die Schmerzen stärker sind, wenn ich gestresst bin. Ich war ein halbes Jahr auf Austausch und zwei Tage vor meinem Abflug habe ich die Tage bekommen und es hat so wehgetan wie noch nie in meinem Leben und das war sicher auch weil ich nervös und aufgeregt war, gestresst. Das finde ich interessant, wie sich das so widerspiegelt im Körper. Manchmal ist es eben ein bisschen blöd, dass es so weht tut und dass es so lange dauert, aber prinzipiell ist es schon auch schön. Meine Mama bekommt jetzt keine Periode mehr weil sie bereits in den Wechseljahren war und ich finde das schon traurig und ich glaube sie war auch ein bisschen traurig weil es jetzt vorbei ist – sie kann jetzt keine Kinder mehr kriegen – so, dieses Gefühl. Und das ist ist sicher auch komisch, wenn man sie dann nach fast 40 Jahren plötzlich gar nicht mehr bekommt.
Interviewerin: Und du bist am Anfang!
Anna: Ja.

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Interview mit Cocolore, geboren 1943
Interviewerin: Andrea Pierus

“DU MUTTI, ICH BIN UNWOHL”

Interviewerin: Wie alt warst du, als du die erste Regel bekommen hast? Wie war es für dich? Warst du aufgeklärt?
Cocolore: Nein, ich war nicht aufgeklärt. Meine erste Menstruation war nicht sehr lustig. Ich war zwischen 13 und 14. Es war in der Schule. Auf einmal habe ich gespürt, in der Unterhose da ist was los und bin aufs Klo gegangen und habe das Blut gesehen – ich nach Hause, eh schon verzweifelt und verkrampft und sage meiner Mutter – mein Vater war schon tot – wir waren zu dritt, drei Kinder mit meiner Mutter: „Du Mutti, ich bin unwohl.“ So hat das damals geheißen. Und meine Mutter, die sonst zartfühlend war, sagt nur: „Ja, da in dem Kastl links sind die Binden.“ Ich war entsetzt. Ich dachte, sie nimmt mich jetzt in den Arm, ich blute ja! Dann habe ich halt geschaut – da waren sie die Stoffbinden.
Interviewerin: Genäht?
Cocolore: Ja. Die hat man ausgekocht, ausgewaschen und irgendwann dann weggeschmissen. Man hat einen Gürtel gehabt, wie einen Strumpfbandgürtel und da ist das drangespendelt worden. Mit Sicherheitsnadeln. Ja, ein starkes Erlebnis.
Interviewerin: Die habt ihr in kaltem Wasser eingeweicht?
Cocolore: Ja, und dann ausgekocht. Die Tampons sind viel später gekommen.
Interviewerin: Hast du die dann benützt?
Cocolore: Ja, die Tampons sind glaube ich erst so 1960 gekommen. Mit 18, 19 sind für mich die Tampons gekommen. Vorher gab es schon Zellulosebinden die man wegschmeißen konnte. Aber die waren sehr teuer und damals hat man zur Umwelt noch eine ganz andere Beziehung gehabt. Man hat nie etwas zum Wegwerfen gekauft.
Interviewerin: Dein Papa war schon tot. Hast du einen Bruder?
Cocolore: Einen Bruder habe ich.
Interviewerin: Wie war das vor den Männern in der Familie, in der Schule? Hattet ihr Buben in der Klasse?
Cocolore: Nein, ich war in einem Mädchengymnasium. Dann in der Schneiderinnenschule. Ich hatte nie Burschen in der Schule. Mein Bruder war acht Jahre älter, der hat das vermutlich von meiner 3 Jahre älteren Schwester gekannt. Wir haben nie darüber geredet.
Interviewerin: Ist das geheim gehalten worden? Hat er nie gesehen, wie du die Binden genommen hast? Hat er das nicht mitbekommen, wenn ihr die Binden ausgekocht habt? Ist das von ihm ferngehalten worden?
Cocolore: Ja, eher geheim gehalten. Ich kann mich nicht genau mehr erinnern – es ist schon geheim gehalten worden. Aber er wird es dennoch mitgekriegt haben. Er hat dann auch gesagt: „Uhhh, das ist eine Frauenkrankheit“, oder „Das geht mich nix an.“ Er hat auch gerne die Augen verschlossen, Augen und Ohren. So war die Zeit damals. Ja, wenn man die Tage hatte, war man wie krank und gestunken hat man. Das wurde einem eingeredet. Turnen durfte man auch nicht. In der Schneiderinnenschule sind wir aufgeklärt worden. Ich war so 16, 17 Jahre. Meine Mutter hat überhaupt nichts gesagt und ich habe mich auch nicht getraut sie zu fragen. Also, ich habe gar nichts gewusst. Vielleicht habe ich mit Freundinnen darüber geredet? Das glaube ich schon. In der Schule, der Schneiderinnenschule, gab es von der Turnprofessorin eine Aufklärungsstunde.
Interviewerin: Hast du dann gewusst, dass du jetzt fruchtbar bist und Kinder bekommen kannst, wenn du die Periode hast?
Cocolore: Oja, das hat mir meine Mutter schon gesagt, dass man jetzt Kinder kriegen kann.
Interviewerin: Und dass du jetzt aufpassen musst?
Cocolore: Nein, da war noch keine Rede von einem Mann. Ich war sehr spät dran, mit 18, 19. Da hat sie dann Angst um mich gehabt.
Interviewerin: Weil du schwanger werden könntest?
Cocolore: Ja.
Interviewerin: Wie war das dann später, als du mit Männern gelebt hast, mit der Periode?
Cocolore: Meine Perioden waren ja immer grauenhaft. Ich hatte irrsinnige Krämpfe, und auch die Blutungen waren wahnsinnig stark.
Interviewerin: Hast du da arbeiten können oder hast du dich niedergelegt?
Cocolore: Niedergelegt. Also ich bin sogar einmal, – da habe ich schon als Grafikerin in Ottakring gearbeitet, da bin ich in der Stadtbahnhaltestelle Josefstätterstraße aufs Klo gegangen und dort – richtig zusammengebrochen. So – TSCHACK! – das ganze Blut weg, wie bei einem Haschisch-Tripp, da spürst du, es geht alles runter und du kannst dich nicht mehr auf den Beinen halten.
Und immer die Scham, ob man da nicht etwas sieht. Das ist auch einmal gewesen, dass hinten ein Fleck war, weil die Blutung so stark war. Ich habe mich irrsinnig geniert.
Interviewerin: Und zu Hause, bei deinen Männern, wie war das – sexuell meine ich? War das ein Tabu oder nicht – oder war es unterschiedlich?
Cocolore: Das war unterschiedlich, eher ein Tabu. Bei meinem ersten Mann, als wir ganz frisch verliebt waren, da hat er gesagt, das macht nix oder wir sind draufgekommen während des Vögelns, dass ich schon die Menstruation habe. – Wie war das? Da habe ich bei den Herum- und Vorspielen kleinlaut gesagt: „Ich habe die Mensi.“ Dann war die Antwort: „Ja, dann lassen wir es“, oder wenn wir ganz geil waren, dann hat es nichts ausgemacht. Mir war es immer peinlich.
Interviewerin: Hast du dich dann währenddessen wohlgefühlt, so wie beim Sex ohne Menstruation?
Cocolore: Ich weiß es nicht. Ich war ja so unfrei. Als der Kinderwunsch entstanden ist und ich nicht schwanger wurde, da habe ich schon gedacht – das war psychisch natürlich – wenn jetzt ein Mann in mich eindringt, wenn ich blute, tötet er meine Kinder! Ich habe den Geschlechtsakt auch als sehr gewalttätig empfunden. Das habe ich ab und zu, bis heute noch, dass es wie Krieg ist. Ja, wie ein Kampf.
Interviewerin: Wieso hast du nicht während der Menstruation Sex außerhalb deines Körpers praktiziert?
Cocolore: Aber Krieg ist ja vielleicht ganz gut. Das möchte ich schon einmal sagen. Immer dieses ewige tolerant und sanft sein, das stimmt doch nicht, wir haben ja alle den Teufel und den Schweinehund drinnen, der kommt halt – und wenn beim Sex – kann das ja auch bereinigender sein als Leiden. Manchmal habe ich die Gewalt so empfunden, aber das war nicht nur beim Sex, da hat auch die Beziehung nicht hingehaun oder im Sex hat es nicht geklappt …? Nur war ich damals zu naiv um das so zu sehen. Ich habe Schmerzen gehabt beim Geschlechtsverkehr und das war nicht lustig, und immer geweint aber wir sind nie auf die Idee gekommen – wir waren beide noch zu naiv – dass wir sagen, naja, dann schmusen wir nur oder solche Ersatzhandlungen. Wir waren da zu unaufgeklärt und zu verkrampft. Da hat es gleich geheißen: „Du liebst mich nicht!“
Interviewerin: Wenn du Periodenschmerzen hattest, hast du in diesen Zeiten dein Leben trotzdem halbwegs normal leben können oder hast du dich stark beeinträchtigt gefühlt?
Cocolore: Stark beeinträchtigt! Meine Menstruationen waren die Hölle. Ich habe zehn Jahre auf ein Kind gehofft, zwischen 20 und 30. Dann war ich im AKH auf der Gyn. Zur Untersuchung. Das war auch ein Horror. Aber das würde hier zu weit führen. Mit dem zweiten Mann war es ein bisserl besser, der war ein eher asexueller Typ und jetzt mit dem dritten Mann ist der Sex ausgeglichen und schön. REIF. Ich weiß nicht, ob das durch die Erziehung ist, ich bin früher fremdgegangen und habe es heimlich gemacht. Das Heimliche war für mich sehr reizvoll.
Interviewerin: Die verbotene Lust?
Cocolore: Ja, ja.
Interviewerin: Wie hast du den Rhythmus der Periode, dieses immer Wiederkehrende erlebt?
Cocolore: Das habe ich eben nie erlebt, weil es bei mir derart verrückt und ohne Rhythmus war, dann hat es oft ausgesetzt, durch meinen ersehnten Wunsch nach Kinder.- war alles so psychisch. Zum Beispiel hatte ich zwei oder drei Monate nichts und dachte: „Ha, ich bin schwanger!“ Dann – TSCHACK! – ist sie gekommen, wie die Hölle, mit irrsinnigen Schmerzen, irrsinnigen Blutstürzen, wie Nachgeburten, so richtige Fetzen waren da drinnen im Klo. Und das Elend wieder, die Enttäuschung von der Welt, dass es keine Schwangerschaft ist.
Interviewerin: Wie bist du in den Wechsel gekommen?
Cocolore: Auf den Wechsel habe ich mich schon gefreut! (lautes Lachen). Dass das endlich aufhört. Ich war ungefähr 47. Meine Menstruation war ja immer unregelmäßig oder einmal habe ich einen ganzen Monat durchgeblutet, das war bei mir wirklich alles nicht normal. Da hat die Gynäkologin mir gesagt: „Sie sind schon mitten im Wechsel drinnen.“ Und ich sage: „Was, ich habe doch noch die Menstruation!“ Sagt sie: „Ja, aber das ist nicht unbedingt das Zeichen.“ Da dachte ich mir: „ Ja, okay, dann hört es jetzt langsam auf.“
Interviewerin: Und Hitzewallungen und Herzklopfen und so?
Cocolore: Ja, das habe ich. Die Gynäkologin war eine Spezialistin für Hormone und leidenschaftliche Verfechterin und der habe ich auch geglaubt. Ich dachte damals, der Wechsel dauert vielleicht zehn Jahre und hört wieder auf. Sie: „Nein, der kann bis zum Tod gehen.“
Interviewerin: „Was? Das weiß ich nicht!“
Cocolore: Ja, nicht immer und auch nicht bei jeder Frau aber es kann sein. Auch hat sie gesagt: „Sie sind so eine Powerfrau, also ich würde die Tabletten nehmen, nehmen, nehmen.“ Und das habe ich dann gemacht. Jahrelang Hormone genommen, weil ich mir dachte, ich habe nie Antibabypille nehmen müssen, jetzt kann ich ruhig meinem Körper ein paar Jahre Hormone zumuten.
Interviewerin: Da hast du die Regel dann weiter gehabt?
Cocolore: Die hat langsam aufgehört. Die Gynäkologin hat mich sorgfältig eingestellt, sie war wirklich gut. Irgendwann hatte ich so einen Naturdrang und dachte: „Ich möchte aufhören.“ Sie hat gemeint: „Ja, aber das müssen sie mindestens ein dreiviertel Jahr machen, dass der Körper sich umstellen kann. Ich hatte danach schon mehr Wallungen und auch die Schlaflosigkeit war häufiger.
Interviewerin: Wachst du in der Nacht auf weil dir heiß ist?
Cocolore: Ja. Aber die Schlaflosigkeit kommt bei mir nicht nur von den Wallungen, sie kommt von der Unruhe im Kopf. Im Kopf, nicht im Körper. Kein Schwitzen sondern du wachst auf und die Gedanken gehen rattatatat und hören nicht auf, sind eher ängstigend. Da habe ich wieder angefangen Hormone zu nehmen. Nach ein paar Jahren wieder aufgehört, aus finanziellen Gründen. Es kostete mich ca. 30,- Euro im Monat und auf Grund meines Alters dachte ich: „Jetzt ist es schon wurscht. Es wird schon irgendwie gehen.“ Und es ist auch gegangen. Ich kann nicht sagen wie lange es her ist aber wenn ich jetzt siebzig bin, sicher seit 15 Jahren nehme ich nichts mehr und habe etwas Wallungen und etwas Schlafstörungen, aber im Bereich des Normalen, würde ich sagen. Manchmal ist es sogar ganz angenehm, wenn die so ein bisserl kommen. (lautes Lachen). Es dienen ja einige Sachen schon als Ersatzhandlung (lacht) – die Wallungen oder Niesanfälle, sind ja auch ein Orgasmus Ersatz ….?
Interviewerin: Warum hat man Niesanfälle?
Cocolore: Ja hast du das nicht?
Interviewerin: Nein, das kenne ich nicht.
Cocolore: Niesanfälle hast du nicht? Viele Leute haben das. Immer Hatschi, Hatschi und früher haben die alten Herren Schnupftabak genommen und – ich weiß jetzt wieso. Das kitzelt, ist spannend bis es sich entlädt, zack, dann niest du endlich. Ist doch schön! Der Orgasmus der Alten! (lautes Lachen).
Interviewerin: Super! Jetzt noch dein Resümee, Lore!
Cocolore: Mein Resümee? Wenn ich ehrlich bin, habe ich das Frausein eher ertragen mit allen Höhen und Tiefen, aber schon vielen Tiefen. Deshalb bin ich aber keine Emanze, die Männer leiden halt auf ihre Weise. Der Schriftsteller Klaus Hoffer aus Graz, der im Burgenland bei den Sinti und Roma war – er hat ein wunderbares Buch geschrieben: „Bei den Bieresch“, – hat mir erzählt, wenn dort einer stirbt, muss der Sohn dann im Ehebett liegen und den Vater ersetzen. Das hat es öfter gegeben am Land, vielleicht auch in der Stadt, bei der Jelinek, in dem Film “Die Klavierspielerin“, kommt es auch vor. Da schläft sie auch im Bett der Mutter. Das war früher oft so, diese Ur-Gebräuche. Hoffer erzählte auch, dass die MÄNNER dort die Geschäfte machen und alle Dinge nach außen hin und die FRAUEN haben das Sagen im Haus und die Macht. Die Männer respektieren und bewundern die Frauen weil sie monatlich FRIEDLICH BLUTEN. Das finde ich sehr schön, diesen Gedanken. Während die Männer um zu bluten Andere verletzen müssen, Sie führen Kriege damit sie den kostbaren Saft in ihr Leben bringen, während die Frauen FRIEDLICH BLUTEN.

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Interview mit Susanne, geboren 1970
Interviewerin: Andrea Pierus

„It‘s their job to clean it!“

Interviewerin: Wann hast du die Regel bekommen? Wie fühlte es sich an? Wie war das für dich?
Susanne: Ich war 12, 13 ungefähr. An viel kann mich nicht mehr erinnern. Ich glaube, es war recht unspektakulär. Ich habe eine Szene im Kopf, da bin ich auf die Terrasse gegangen, meine Mutter war im Garten. Ich habe ihr das irgendwie mitgeteilt und wahrscheinlich eine sehr pragmatische Reaktion darauf bekommen, wo ich Binden finde und eine Bemerkung wie: „Jetzt ist es bei dir also auch soweit!“ oder „Jetzt hast du das halt auch, das Leiden!“ Also nicht der große Jubelschrei: „Hurra, sie hat die Regel!“ Aber auch nicht etwas Tragisches – eher im Sinn von: „Das gehört halt dazu.“
Interviewerin: Hast du eine ältere Schwester?
Susanne: Ja. Und ich habe mit ihr gemeinsam recherchiert, dass wir nie über so etwas miteinander geredet haben.
Interviewerin: Aber mitbekommen hast du es, die Hygieneartikel?
Susanne: Wahrscheinlich. Es war alles offen, es ist nichts versteckt worden.
Interviewerin: Wie war es im Vorfeld? Warst du aufgeklärt? Hast du schon etwas über die Periode gewusst?
Susanne: Wir haben uns vieles selber zusammengesucht. Wir hatten ein rotes Medizinbuch zuhause, das habe ich oft heimlich genommen. Da waren Darstellungen vom Bauchinneren, den Geschlechtsteilen – ich glaube, es waren sogar Fotos drinnen. Es war eigentlich auch eine Erotikgeschichte an die man herankam.
Interviewerin: Und “Bravo“ oder Mädchenzeitschriften?
Susanne: Ja, da hast du natürlich auch geschaut, dass du es dir von anderswo organisierst. Das hätte es bei uns zuhause nicht geben dürfen. Ich erinnere mich an eine Schulfreundin, da sind wir oft heimlich in den Keller gegangen. Dort hat ihr Vater ein Lager gehabt mit “Praline“ und solchen Sachen. Ich weiß nicht mehr, ob wir nicht auch ein paar Bilder herausgeschnitten haben. Angeschaut haben wir sie zumindest und hatten Angst, dass er uns erwischt. Das hat keiner wissen dürfen – er hätte uns sicher gehaut.
Interviewerin: Wie war dein Empfinden, als du die Regel bekommen hast?
Susanne: Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich Schmerzen hatte.
Interviewerin: Wie hast du es erwartet?
Susanne: Das Einzige, an das ich mich erinnere – das hat mit der Regel nichts zu tun – ich war eine der Ersten in der Klasse, die einen Busen hatte. Das war traumatisch, weil es so früh war und weil er so groß war für mein Alter. Der Arzt hat mir sogar einen BH verordnet, weil ich Rückenschmerzen hatte und er meinte: „Das trägt die Wirbelsäule noch nicht.“ Das war unangenehm, wenn man beim Turnen als Einzige einen BH trägt.
Interviewerin: Bist du in der Schule aufgeklärt worden?
Susanne: Nichts, was hängen geblieben ist. In irgendeiner Form sicher und wahrscheinlich sehr peinlich.
Interviewerin: Führst du Aufzeichnungen über deinen Zyklus? Hast du einen Zykluskalender?
Susanne: Ja, ich habe ein kleines Bücherl, da schreibe ich das hinein. Jahr für Jahr. Das habe ich nicht immer gemacht, erst die letzten 10 bis 15 Jahre. Früher habe ich aber schon auch die Regel in meinen Kalender eingetragen.
Interviewerin: Wie hast du verhütet?
Susanne: Ich habe bis zur Matura die Pille genommen, weil der Arzt gemeint hat: „Wir wollen doch jetzt kein Kind bekommen, wenn wir die Matura noch nicht haben.“ Ich habe sie nie vertragen und immer Zwischenblutungen oder Pilzinfektionen gehabt und er hat immer von einem Präparat auf das andere gewechselt.
Interviewerin: Hattest du schon einen Freund?
Susanne: Ja, sonst wäre ich nicht zum Frauenarzt gegangen. Einen Freund hatte ich schon vorher, ohne die Pille zu nehmen, mit den diversen Angstzuständen, ob ich jetzt schwanger bin.
Interviewerin: Deinerseits oder mutterseits?
Susanne: Beides. Meine Mutter ist ja draufgekommen, dass ich schon Sex hatte, weil sie meine Regel im Überblick hatte. Ich hatte nach „dem ersten Mal“ Blutungen, die länger gedauert haben. Sie hat diese Binden im Mist gefunden und mich daraufhin zur Rede gestellt, da sie ja wusste, es war noch nicht die Zeit für die Regel.
Ich habe als Erwachsene mal nachgefragt, ob sie Buch geführt hat über meine Regel. Sie hat gesagt, sie weiß es auch nicht und nach einigem Nachdenken ist ihr eine logische Erklärung dafür eingefallen, warum sie Bescheid wissen musste, wer von uns wann die Regel hatte: “Wir mussten das bei unseren Reisen ja wissen. Wenn wir unterwegs waren und eine von uns drei Frauen die Regel bekommt, war ja z.B. im Ostblock nicht klar, ob man dort dann Hygieneartikel kaufen kann. Da mussten wir alles mit dabei haben.“
Neben dieser Erklärung unterstelle ich ihr trotzdem auch ein gewisses Kontrollfreak-Sein. Wahrscheinlich hat sie, wenn wir Urlaub in Osttirol gemacht haben, genauso darauf geschaut. Interviewerin: Gab es einen Diskretionsrahmen? Wie gehst du im Beisein von Männern – angefangen in der Schule, über Männer in der Familie – Brüder, Vater – bis zu deinen Partnern hin mit der Periode um?
Susanne: Vor den Männern in unserer Familie, also meinem Vater und meinen Bruder, ist unsere Regel sicher nicht geheim gehalten worden. Binden sind wahrscheinlich offen herumgestanden. Tampons zu verwenden war tabu, da hing wahrscheinlich der Mythos vor der Entjungferung dran bzw. dass das unhygienisch wäre, wenn das da drin steckt. Aber sonst bin ich mir ziemlich sicher, dass die Regel von uns Frauen etwas war, was dazugehörte und weder versteckt noch großartige thematisiert wurde. Wir hatten einen ziemlich offenen körperlichen Umgang miteinander – bei uns ist auch das Bad nicht zugesperrt worden, wir haben uns nackt gesehen – war auch immer FKK baden im Urlaub.
Interviewerin: Wie habt ihr das in der Schule, im Turnunterricht gemacht?
Susanne: In der Schule war das sicher kein Thema gegenüber den Buben. Im Turnunterricht waren wir getrennt. Beim Turnen war die Regel ein Befreiungsgrund. Das war fix, da hat man keine Schmerzen dafür gebraucht oder Zustände, wo es dir nicht gut geht. Auch wenn du dich fit gefühlt hast, du hast grundsätzlich bei der Regel nicht turnen müssen. Ich glaube, das war für alle befreiend. Es hat zwar sicher einige Sportbegeisterte gegeben, die haben geturnt, aber der Großteil der Mädels hat das genossen, dass man faul sein konnte und nicht mitmachen musste. Im Gymnasium waren wir, glaube ich, nur vom Schwimmen befreit, wenn wir die Regel hatten. Wahrscheinlich für die, die keine Tampons verwenden, dass die nicht schwimmen müssen (lacht).
Und Partnern gegenüber habe ich das nie verheimlicht. Das war immer ganz normal für mich – aber nicht für alle Partner, im dem Sinn, dass manche es grauslich finden und nicht damit umgehen können, wenn man die Regel hat.
Interviewerin: Erzähl´, wie war das? Wann hast du den Männern gesagt, dass du die Regel hast?
Susanne: Ich habe es spätestens vor dem Sex gesagt, wenn es jemand Fremder war und wenn es jemand war, mit dem ich zusammen war, dann hat er gewusst, wann ich die Regel habe.
Interviewerin: Wie haben die Männer reagiert?
Susanne: Für die meisten war es okay, aber bei vielen auch Unwohl- oder Ekelgefühle wegen des Blutes und die wollten dann auch keinen Sex während der Regel.
Interviewerin: Wie war das dann für dich?
Susanne: Ich habe das akzeptiert. Das kannst du keinem Mann vorschreiben, aber es ist auch schade, beziehungsweise, wenn es verbunden ist mit: „Das ist grauslich“, dann ist es auch gegen dich als Frau. Aber das waren dann allgemein Männer, die Probleme mit Körpersäften aller Art hatten oder die ein bisschen einen Waschzwang hatten. Ich erinnere mich an einen, der ist immer gleich nachher aufgesprungen und duschen gegangen – das war das Erste, was er tun musste, weil das Verschwitzte, das geht gar nicht, oder welche die vorher duschen mussten weil man nicht nach Körper riechen darf, nach Schweiß. Für die wäre Blut natürlich das Ärgste gewesen.
Interviewerin: Du von dir aus würdest keine Pause beim Sex machen, auch wenn du die Regel stark hast?
Susanne: Die Stärke ist mir egal. Wenn ich Schmerzen habe, hab ich natürlich auch keine Lust auf Sex. Nebst dem, dass du alles einsaust, wenn du Sex während starker Blutungen hast, das ist das Unangenehme daran. Da habe ich aber auch lustige Szenen erlebt, wo wir danach stundenlang Hotelbettwäsche geschrubbt haben oder gehofft haben, dass die Blutflecken auf der Bettwäsche nicht vor unserer Abreise entdeckt werden.
Ein witziges Erlebnis hatte ich mit einem türkischen Mann in einem noblen Hotel im 1. Bezirk. Das war ein One-Night-Stand. Auf dem Hinweg zum Hotel dachte ich, ich muss ihm jetzt noch vorher sagen, dass ich die Regel habe und ob das für ein Problem für ihn ist. Das war eine Überwindung, weil ich ja nicht wusste, wie er reagiert, aber dann vielleicht mit ihm im Bett zu liegen und eine blöde Reaktion zu kriegen, war die noch schlimmere Vorstellung. Ich sagte es ihm also und er meinte nur „Do you have a problem with it?“ und nachdem ist das verneinte, war das Ganze gegessen. Im Zimmer war alles blütenweiß – moderne weiße Möbel, von den Blumen über die Handtücher bis zur Bettwäsche. Und nachher war eben alles voller Blutflecken. Das hat mich ziemlich nervös gemacht, war mir peinlich gegenüber dem Hotelpersonal, aber seine Reaktion war ganz cool, er meinte nur: „It´s their job to clean it!“ Diese Gelassenheit und vor allem sein natürlicher Umgang mit meiner Regel hat mir ziemlich imponiert damals.
Es ist schon auf der einen Seite diskriminierend, wenn ein Mann Dich wegen der Regel „grauslich“ findet und auf der anderen Seite aufwertend, wenn das für einen Mann so natürlich ist und wenn er die Regel als Vitalität der Frau einstuft. Da fühlst du dich schon anders als Frau.
Interviewerin: Jetzt geht mir eine Frage durch den Kopf, zu dem was du gerade gesagt hast – der Geruch, es stinkt. Wie empfindest du das bei dir?
Susanne: Also ein „Stinken“ hab ich nie empfunden. Ansonsten erlebe ich die Regel ganz unterschiedlich. Es hat immer Zeiten in meinem Leben gegeben, wo es unangenehm ist, dass du die Regel ausgerechnet jetzt hast und das ganze Zeug mitnehmen musst. Ich habe Gott sei Dank nie extreme Schmerzen gehabt, bei denen ich tagelange liegen musste. Da waren die üblichen Unterbauchschmerzen und das Ziehen, aber es war aushaltbar. Was ich schon erlebe, heuer, wo sich alles verändert und alles durcheinander ist, wenn du ständig in irgendeiner Form blutest, das ist mühsam. Einmal stark, dann wieder eine Schmierblutung und du rennst die ganze Zeit mit Einlagen durch die Gegend und hast auch überhaupt keinen Überblick mehr. Also wenn du weißt, alle 25 oder 28 Tage blute ich ein paar Tage und dann ist es wieder vorbei, das ist total okay und das war lange Zeit so. Wenn das alles überhaupt nicht mehr passt, kann das schon belastend sein!
Interviewerin: Wieso passt das jetzt nicht?
Susanne: Weil der Wechsel wahrscheinlich anfängt und die hormonelle Umstellung.
Interviewerin: Wie alt bist du?
Susanne: 45. Ich habe mir gerade die Goldspirale nach 5 Jahren herausnehmen lassen – es ist alles ein bisschen durcheinander.
Interviewerin: Noch zur Verhütung, weil du gerade Spirale sagst. Am Anfang hast du die Pille genommen…
Susanne: Am Anfang habe ich die Pille genommen, dann hat es mir gereicht, recht schnell. Ich glaube, bis 18 habe ich sie genommen, bis zur Matura. Danach habe ich mehr oder weniger nichts getan – natürliche Verhütung, gelegentlich Kondome bis ich durch die natürliche Verhütung schwanger wurde, mit 21, mit meinem Sohn. Dann habe ich mir kurz das Diaphragma überlegt. Das ist ewig im Regal gelegen, da hat mein Kind damit gespielt. Ich konnte mich nicht damit anfreunden. Mit 29 bin ich wieder schwanger geworden und hatte eine Abtreibung und zwei Jahre später noch einmal. Da habe ich mir dann die Hormonspirale einsetzen lassen, weil ich nichts mehr wissen wollte von dem Thema und totale Panik hatte, wieder schwanger zu werden. Da ist es mir voll schlecht gegangen: In einem halben Jahr zwölf Kilo zugenommen und lustlos – ich hatte alle Nebenwirkungen, die es gibt. Nach 2-3 Jahre habe ich sie rausnehmen lassen. Danach war ein Loch, da tat ich nichts bzw. verwendete Kondome und danach kam die Goldspirale von 2010 bis jetzt.
Interviewerin: Jetzt gibt es keine Verhütung?
Susanne: Jetzt gibt es eh keinen Sex (lacht). Ich hätte auch die fünf Jahre Goldspirale nicht gebraucht, aber die war okay, die hätte man angeblich auch lebenslänglich liegen lassen können. Ich habe sie jetzt rausnehmen lassen wegen dieser zunehmenden Schmierblutungen und Blutungen und auch Schmerzen immer wieder. Jetzt wird es wieder Kondome geben oder hoffentlich, nachdem die Altersgruppe auch eine andere ist: Sterilisierte Männer. Ein langjähriger Partner von mir war sterilisiert. In diesen Jahren habe ich, nachdem wir treu waren, gar nichts genommen. Das habe ich als sehr befreiend empfunden, mich ein paar Jahre nicht um Verhütung kümmern zu müssen.
Interviewerin: Wie prägen die Erfahrungen mit der Periode dein Körpergefühl? Wie erlebst du dieses jeden Monat Wiederkehrende?
Susanne: Ich habe die Regel schon immer als etwas Zugehöriges und Weiblichkeitssymbolisches empfunden. Ich bin nie auf Kriegsfuß damit gestanden, neben den Unannehmlichkeiten, die es natürlich auch macht. Ich habe auch oft überlegt, wie es ist, nach dem Wechsel keine Regel mehr zu haben und das ist schon auch ein Abschied. Es ist nicht so, dass ich jeden Monat bluten muss und mit Binden und O.B. durch die Gegend rennen möchte. Ich sehe da schon auch einen Freiheitsgewinn darin, das nicht mehr zu haben. Aber es ist dann auch eine andere Form von Frausein, in die ich hineinwachsen muss. Es ist für mich schon ein Zeichen von Weiblichkeit und Vitalität, Blut als Zeichen von Lebenskraft. Ich habe das nie als bedrohlich oder unangenehm empfunden – es ist verbunden mit Fruchtbarkeit und Frausein. Ich wollte diese Abtreibungen nicht erleben, habe sie aber erlebt. Keine Panik davor haben zu müssen, schwanger zu werden, weil diese Zeit abgeschlossen ist, sehe ich auch als Zugewinn.
Interviewerin: Ein Resümee – deine Periode!
Susanne: Ich habe immer Glück gehabt. Es war nicht so, dass ich keine Schmerzen hatte, aber es war in einem Maß, da konnte ich sagen, es gehört dazu. Es war auch nicht während der ganzen Regel, einen Tag oder vielleicht zwei. Ich hatte jetzt zum Beispiel, in den letzten Monaten, zwei Mal eine Schmerzattacke. Das hatte wahrscheinlich mit einer Zyste zu tun, da habe ich mir gedacht, wenn ich jemals so die Regel gehabt hätte, dann hätte ich sicher ein anderes Körperempfinden und eine andere Sexualität, einen anderen Bezug zur Weiblichkeit gehabt. Ich kenne Freundinnen, die haben das nie anderes erlebt, die hatten von Anfang an schmerzhafte Blutungen und mussten tagelang Schmerztabletten einwerfen – ich glaube schon, dass das einen großen Unterschied macht, wenn man das so erlebt. So war es halt einmal im Monat – ein bisserl Schmerzen – aber sonst etwas total Dazugehöriges.

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Interview mit Doris Maria, geboren 1978
Interviewerin: Andrea Pierus

Die Gesellschaft gibt uns zwiespältige Botschaften – Seit 10 Jahren wird Frau-Sein für mich schön

Interviewerin: Wie alt warst du, als du die Regel bekommen hast? Wie war das für dich, wie fühlte sich das an?
Doris: Soweit ich mich erinnern kann war ich cirka 15, es war ein bisschen darüber und ich habe schon sehr darauf gewartet. Manche von meinen Freundinnen hatten sie schon. Ich weiß noch, dass ich zu einer behauptet habe, ich hätte sie auch schon. Ich habe auch O.B. gekauft, im Supermarkt. An das kann ich mich noch sehr genau erinnern, wie ich da an der Kassa gestanden bin und das mit einer Befriedigung auf das Laufband gelegt habe, so auf die Art: „Ich brauche das!“
Interviewerin: Hättet ihr O.B. zu Hause gehabt? Hat deine Mutter welche für dich eingekauft?
Doris: Ja, sicher. Da war etwas im Badkastel. Aber es war mit meiner Mutter kein Thema. Ich habe das mit meiner Mutter nicht besprochen. Der Anfang war ein bisschen holprig, da habe ich die Regel ein Mal gehabt, dann wieder ein halbes Jahr nicht. Da bin ich zum Arzt gegangen und er hat mir die Pille verschrieben, damit sich das einpendelt. D.h. ich habe sehr früh mit der Pille begonnen und der Anlass war ursprünglich weil die Regel so unregelmäßig war. Da war ich nicht ganz 16 Jahre.
Interviewerin: Wie war das im Vorfeld, warst du aufgeklärt? Was hast du schon gewusst?
Doris: Ich habe, glaube ich, ziemlich viel gewusst vom Biologischen her. Nicht durch meine Mutter, sondern weil ich viel gelesen habe. V.a. waren das Mädchenzeitschriften, über die bin ich eigentlich aufgeklärt worden. “Bravo“ weniger, aber “Girl“ und “Mädchen“ haben die damals geheißen. Die haben wir uns reingezogen, meine Schwester und ich.
Interviewerin: Ist deine Schwester älter als du?
Doris: Drei Jahre älter.
Interviewerin: Hast du ihre Periode mitbekommen?
Doris: Nein. Diese Zeitschriften sind halt so herumgelegen – einmal habe ich sie gekauft und sie hat sie gelesen oder umgekehrt. Aber wir haben uns zu diesem Zeitpunkt nicht über dieses Thema ausgetauscht. Wir waren da in sehr unterschiedlichen Welten, da war wenig persönlicher Austausch.
Interviewerin: Und so mitbekommen hast du es nicht, wenn du Binden oder O.B. gesehen hast?
Doris: Doch, ich denke schon, dass ich es im Mistkübel manchmal gesehen habe, eingepackt, aber es ist nie gesprochen worden und ist sehr diskret gehandhabt worden, in der Familie. Absolut.
Interviewerin: Also bei dir dann auch, als du die Periode hattest?
Doris: Genau. Ich habe es nicht thematisiert mit meiner Mutter.
Interviewerin: Du hast es ihr gar nicht erzählt?
Doris: Naja, es war so wenig. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Es war nicht sonderlich einprägsam, es war nicht so ein fulminanter Start und ich glaube, ich war sehr darauf eingestellt, dass sie jetzt einmal kommen muss, dann war es nicht sehr intensiv, dann wieder ein halbes Jahr nicht. Da habe ich glaube ich, mit ihr geredet wegen einem Arzt und gemeint, mir kommt das komisch vor und alles Weitere habe ich mit dem Frauenarzt besprochen und nicht mit ihr.
Interviewerin: Da warst du aber enorm selbstständig. Unglaublich, in dem Alter!
Doris: Meine Mama war da nicht offen. Das war klar. Wir haben uns selbst aufgeklärt, durch Bücher.
Interviewerin: Und in der Schule?
Doris: Genau, in der Schule natürlich.
Interviewerin: Hast du dich mit Freundinnen ausgetauscht, so „Wie machst du das?“
Doris: Ja, sicher hat es manchmal solche Gespräche gegeben. Ob man Regelschmerzen hat oder ob O.B. oder Binden. Für mich war es immer O.B., das war ganz klar. Auch ob man turnen geht, weil man Regelschmerzen hat oder nicht, das war immer das Ding, aber ich habe nie Regelschmerzen gehabt. Ich habe das eher weggedrängt, das Thema, also nicht zu einem großen Thema gemacht. In Teenagerzeiten war das so.
Interviewerin: Und bei deinem Papa? Wie ist es im Umgang mit Männern gewesen? Auch in der Schule mit den Burschen?
Doris: In der Pubertät war das easy, easy. Das hat sich dann in meinem Erwachsenendasein geändert, weil da ist die Regel stärker geworden, in den letzten Jahren. Aber damals war es überhaupt kein Problem weil sie nicht stark war. Ich nahm Tampons, das war komplett unauffällig. In meinen sexuellen Beziehungen ist es schon so, dass ich das von Anfang an klar kommuniziere, wenn ich die Regel habe. Für mich ist allerdings, wenn es nicht ein ganz starker Tag ist, Sex absolut möglich und zwar durch diese ganz weichen Schaumstofftampons. Die lassen sich wirklich gut verwenden. Die sind sehr weich und als Partner, wenn man sorgsam ist, dann spürt man es, man merkt, dass ein bisschen eine Barriere da ist, die sonst nicht da ist, dass es sich anders anfühlt, aber es ist weich und es ist nicht störend.
Interviewerin: Und wenn du die Regel stark hast?
Doris: Wenn ich sie stark habe, dann will ich nicht. Das ist aber nur ein Tag, normalerweise, oder vielleicht zwei Tage. Und ganz früher, in meiner Lebensgemeinschaft, da habe ich diese Schaumtampons nicht gekannt, oder es hat sie noch nicht gegeben, da haben wir miteinander geschlafen, ohne. Da haben wir einfach ein Handtuch untergelegt, aber da haben wir uns schon jahrelang gekannt, das war nicht von Anfang an so.
Interviewerin: Wie haben die Partner reagiert? Locker?
Doris: Mit meinem Lebensgefährten, da sind wir gemeinsam reingewachsen. Am Anfang, die ersten zwei Jahre, wenn ich die Regel hatte, haben wir nicht miteinander geschlafen – oder war es von Anfang an? Vielleicht haben wir beim ersten Mal gesagt: “Schauen wir mal, wie wir uns fühlen, wie es uns geht.“ Dann war es kein Thema mehr und die anderen, da ist die Reaktion bis jetzt die gewesen, dass ich entweder, wenn die Regel ganz stark war, gesagt habe: “Heute geht es wirklich nicht.“ Und sonst habe ich es nicht thematisiert sondern erst, wenn er gesagt hat, er spürt etwas und ich ihm gesagt habe, das ist deswegen und dann war es kein Thema mehr. Vielleicht werde ich es in Zukunft auch so machen, man könnte es auch vorher sagen: “Hey, wenn du etwas spürst…“, das kann ich jetzt noch nicht sagen – wie es sich anbietet.
Interviewerin: Das ist wahrscheinlich bei den Männern verschieden, wie es sich für jeden anfühlt.
Doris: Ja, wie sie es wahrnehmen. Da habe ich unterschiedliche Rückmeldungen.
Interviewerin: Führst du Aufzeichnungen über deinen Zyklus?
Doris: Ich trage es in einen Zykluskalender ein. Diese Formulare, diese kleinen Kartonkalender die man bei der Frauenärztin mitbekommt.
Interviewerin: Aber wenn du jetzt die Pille nimmst?
Doris: Das hat sich geändert. Ich habe die Pille durchgehend genommen, fast bis 28. Dann bin ich aus meiner Lebensgemeinschaft rausgegangen und habe mir gedacht, jetzt reicht es mir aber endgültig mit der Chemie und ich bin umgestiegen auf Spirale. Da hat sich mein Bewusstsein für den Zyklus verändert. Dann habe ich angefangen etwas zu spüren. Das war dann anders und seither habe ich auch den Kalender.
Interviewerin: Jetzt ist deine Periode regelmäßig?
Doris: Sie ist relativ regelmäßig und witzigerweise ist heute der erste Tag, sie ist gerade am Anfangen. Haarscharf, wie erwartet. Es ist eine Kupferspirale. Ich wollte von den Hormonen weg – das ist mir ganz wichtig, die hormonfreie Verhütung, jetzt, nach so vielen Jahren. Ich habe die Spirale jetzt sechs Jahre, so um den Dreh. Die ersten 2-3 Jahre war die Regel wesentlich stärker, dann hat sie sich wieder eingependelt und ich habe das erste Mal wirklich – nachdem ich keine Kinder habe – habe ich eine neue Körpererfahrung erlebt beim Einlegen der Spirale: Ich habe die Gebärmutter von innen gespürt. Ganz klar war mir plötzlich, wie die sitzt und wie sie sich anfühlt und wie groß sie ist.
Interviewerin: Jetzt kommen wir zum Sport…
Doris: Da war ich früher ungenierter als jetzt. Das hat eben damit zu tun, dass die Regel jetzt kürzer und stärker ist, d.h. wenn ich sie ganz stark habe gehe ich sicher nicht schwimmen, das ist eindeutig. Da bin ich heikler.
Intervierwerin: Wie hältst du es mit Anstrengung während der Tage?
Doris: Ich fühle mich so nicht gestört dadurch. Ich fühle mich nicht geschwächt, nein gar nicht.
Interviewerin: Das heißt, du gehst allen Tätigkeiten nach. Du könntest joggen oder radfahren?
Doris: Ja, da fühle ich mich ganz gleich. Beim Yoga, weil ich weiß, dass da manche Positionen vielleicht nicht ideal sind, die Umkehrpositionen, die vermeide ich dann, aber ich fühle mich genauso leistungsfähig wie sonst.
Interviewerin: Und stimmungsmäßig?
Doris: Das habe ich jetzt schon öfter beobachtet, ich merke es eher eine Woche davor, und denke mir, das könnte damit zusammenhängen, da habe ich einen speziellen Essensgusto. Da bekomme ich volle Lust auf Erdäpfel oder Pizza oder Brot – auf so eine Kohlehydratdosis und wenn das ganz extrem kommt, dann schaue ich auf den Kalender und denke mir, es könnte sein. Aber ich bin oft grantig (lacht), ich kann das nicht auf die Regel schieben.
Interviewerin: Wie ist deine Familie umgegangen mit deiner Fruchtbarkeit? Wie war das – hat deine Mutter dann in Panik gelebt, bei zwei Töchtern?
Doris: Nein, weil ich ja die Pille gleich genommen habe. Das war damals nicht der Grund, ich habe damals noch keinen Freund gehabt, wie ich damit angefangen habe. Es war diese Empfehlung vom Frauenarzt, damit die Hormone in Schwung kommen. Ich glaube mittlerweile, dass das nicht so eine gute ärztliche Entscheidung war. Aber es hat mir das ganze Thema „Verhandeln mit den Eltern bezüglich Verhütung“ erspart. Es war dann einfach und wir haben nicht mehr darüber geredet. Sie hat gewusst, ich nehme die Pille. Alles Weitere hat sie eigentlich nicht gefragt, außer so: „Pass auf, mit wem du dich einlässt“, so allgemein mehr.
Interviewerin: Und dein Vater, wie war das für ihn?
Doris: Das weiß ich nicht. Das haben wir nicht thematisiert. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals über so etwas geredet haben – er hat keinen Kommentar abgegeben, er hat sich dazu nicht geäußert.
Interviewerin: Nicht zum Erwachsenwerden seiner Tochter geäußert?
Doris: Im Punkt Sexualität hat er das nicht kommentiert. Nein, kann ich mich nicht erinnern.
Interviewerin: Wie prägen die Erfahrungen mit der Periode dein Körpergefühl jetzt? Wie erlebst du dieses jeden Monat Wiederkehrende?
Doris: Ich erlebe es schon als eine gewisse Lästigkeit die man halt berücksichtigen muss. Ich muss sie bedenken, wenn ich wegfahre, v.a. seit ich auf die Spirale umgestellt habe, weil sie jetzt stärker ist. Aber seit 28 – in den letzten zehn Jahren – hat sich mein Körpergefühl so massiv verändert und ich bin so viel zufriedener mit meiner Sexualität und mit meinem Körper insgesamt und ich spüre auch so viel mehr. Ich bin recht d´accord damit, wie das alles abläuft, dass sie jetzt so schön regelmäßig ist, dass sie schmerzfrei ist.
Interviewerin: Du nimmst die Periode so mit. Sie ist nichts, worauf du hinfieberst, wo du denkst…
Doris: Ich fiebere ab und zu darauf hin weil ich im Zwiespalt bin – will ich ein Kind oder will ich keines. Und das merke ich dann, wenn es mich hin und herreißt, upps, hoffentlich passiert nix, aber wenn es passiert, dann bin ich der Entscheidung enthoben. Das ist so ein bisschen ein Thema.
Interviewerin: Ein Resümee, Doris Maria, über die Periode in deinem Leben…
Doris: Die Rolle der Regel hat sich geändert in meinem Leben. Außerdem wird mir jetzt auch, während wir darüber reden, bewusst, wie lange ich sie schon habe. Ich werde 40. Manche Frauen kommen mit 50 in den Wechsel, also die längste Zeit ist schon vorbei – die fruchtbarste Zeit und ich merke, das entspannt mich (lacht).
Interviewerin: Wie alt bist du jetzt?
Doris: 78er Jahrgang – 37. Meine Frauenärztin hat mich jetzt beim Spiralwechsel gefragt: „Wie schaut es aus, ist die Familienplanung schon abgeschlossen?“ Ich dachte: „Uppsala.“ Sie hat gesagt, ich brauche mir jetzt keine Panik machen. Auch von wegen Sicherheit, dass die Spirale nicht sicher genug ist, weil die Fruchtbarkeit mit 35, ab 30 schon stark nach unten geht.
Interviewerin: Du genießt es?
Doris: Ich genieße das Frausein. Die Gesellschaft macht uns eine zwiespältige Botschaft zur Regelblutung. Ich kann auch nichts damit anfangen, wenn man sagt, das ist eine heilige Zeit und die Frauenkraft – so erlebe ich es nicht nur. Eine Botschaft, die ich schon als Kind mitbekommen habe, dass es etwas Mühsames ist. Das habe ich sowohl von meiner Oma als auch von meiner Mutter mitbekommen, dass es dann lästig ist und so wie eine Fehlkonstruktion der Natur – und es stimmt. Ich frage mich manchmal, wie das gegangen ist in der Steinzeit oder bei den Naturvölkern, ich frage mich, was es da für Möglichkeiten gibt, die wir vergessen haben oder war das wirklich nur das, was man kennt, das sich die Frauen zurückgezogen haben auf spezielle Plätze oder gibt es doch andere Möglichkeiten? Jetzt wird es vertuscht im Alltag durch die Möglichkeiten die wir durch die Zivilisation haben. Durch Hygieneartikel die so praktisch sind, dass da keiner etwas mitbekommt. Aber es ist urpeinlich, wenn man etwas mitbekommt. Wenn man einen Fleck hat…
Interviewerin: Wie magst du deinen Geruch während der Periode?
Doris: Körpergeruch oder Menstruationsgeruch? Ich finde da jetzt nichts speziell. Ich finde nicht einmal, dass der Geruch dann so anders ist. Wie das Blut ausschaut finde ich interessant, wie sich das ändert. Es hat definitiv anders ausgeschaut als Mädchen mit der Pille. Mit der Spirale ist es sehr anders. Das ist eindeutig, dass da physiologisch etwas anderes passiert, dass die Schleimhaut sich anders zusammensetzt, mehr Schleimhaut ist. Ich finde das sehr interessant!

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Interview mit Elisabeth Kohlmaier, geboren 1991
Interviewerin: Andrea Pierus

“Wenn sie fehlen würde, würde sie mir fehlen”

Interviewerin: Wie alt warst du, als du die Regel bekommen hast? Wie war das für dich? Wie fühlte es sich an?
Elisabeth: Ich war 13. Es war 2004. Das erste Mal kann ich mich noch erinnern, aber sonst habe ich nicht so viele Erinnerungen. Ich weiß nur, dass es sofort regelmäßig war. Also es war nicht so, wie ich es eigentlich erwartet hätte, dass erst ein bisschen kommt. Bei mir war es sofort regelmäßig und viel, so richtig viel.
Interviewerin: Wie war der Glücksfaktor? Hast du dich auch körperlich gut gefühlt?
Elisabeth: Ich glaube, ich war eher stolz. Ich habe mir halt gedacht, so jetzt bin ich eine Frau. Ich kann mich auch nicht so genau daran erinnern. Ich glaube, es war eher ein gutes Gefühl.
Interviewerin: Kam die Periode überraschend oder warst du aufgeklärt?
Elisabeth: Ich war voll aufgeklärt.
Interviewerin: In der Schule und von zu Hause?
Elisabeth: Ja. Ich bin nie so richtig aufgeklärt worden, ich bin einfach damit aufgewachsen. Also, ich habe es irgendwie schon immer gewusst. Das war jetzt nichts Überraschendes.
Interviewerin: Und für die Männer in deiner Familie oder in der Schule, wenn du mit Burschen zusammen warst, wie war es dann? Ist es ein Tabu gewesen oder habt ihr darüber gesprochen, wenn du die Periode hattest?
Elisabeth: Ich habe sicher nicht viel darüber geredet. Ich weiß, es war in meiner Klasse eher mit den anderen Mädels, dass die cool waren, die die Regel schon hatten und die sie noch nicht hatten waren nicht cool. Ich war glaube ich eher eine der Späteren. Mit den Burschen ist es erst wie ich älter war mehr zur Sprache gekommen, mit dem Sex.
Interviewerin: Also in der Schule war es mit den Burschen kein Thema?
Elisabeth: Nur mit den Mädels. Aber selbst das war nicht oft, sondern nur dieses du bist cool und du bist nicht cool.
Interviewerin: Führst du Aufzeichnungen über deinen Zyklus?
Elisabeth: Nein. Es war immer sehr regelmäßig. Ich habe sie fast immer in den ersten Tagen des Monats bekommen. Aber jetzt nehme ich die Pille und jetzt ist es sowieso fast immer am selben Tag. Ich habe es mal versucht, Aufzeichnungen zu führen, aber ich habe es dann vergessen und …
Interviewerin: Verstehe ich völlig.
Wie ist es mit Sport? Ältere Frauen haben mir in Interviews erzählt, dass sie nicht alle Sportarten ausüben durften. Schwimmen war verboten. Wie ist das bei dir mit anstrengen bzw. nicht anstrengen während der Tage?
Elisabeth: Meine Sportlehrerin in der Schule hat gesagt, wir müssen nicht mitturnen wenn wir die Regel haben. Aber sie hat Aufzeichungen geführt, immer Stricherl gemacht, damit es nicht zu oft vorkommt. Aber bevor ich die Pille genommen habe, war es echt schlimm. Ich hatte solche Schmerzen. Ich merke auch, besonders am ersten Tag, wenn ich die Regel bekomme, dann kann ich überhaupt keinen Sport machen. Ich weiß, ich war noch einmal Schifahren, meine Knie waren so zittrig und ich habe mich überhaupt nicht wohlgefühlt. Aber seitdem ich die Pille nehme habe ich nicht mehr so arge Schmerzen, nur mehr Kopfschmerzen. Aber ich hatte schon Tage, da konnte ich nicht aufstehen vom Bett, weil ich solche Schmerzen hatte. Echt arg, aber jedes Mal.
Interviewerin: Die Periode war dann also nichts, was du herbeigesehen hast. Wie kann man das beschreiben – du hast sie ertragen oder hast du dir gedacht: „Geh, jetzt kommt sie schon wieder?“
Elisabeth: Gute Frage. Ich glaube ich wollte nicht unbedingt, dass sie kommt aber sie ist einfach Teil von mir und wenn ich sie nicht bekommen würde, würde ich mich sehr unweiblich fühlen.
Interviewerin: Bei den Schmerzen bist du im Bett geblieben. Was hast du noch gemacht?
Elisabeth: Es kommt darauf an – ich kann nicht so oft fehlen, im Studium. Wir haben Anwesenheitspflicht und wenn ich nicht komme, muss ich alles nachholen. Ich war nie ein besonderer Fan von Schmerzmittel, ich habe das eher vermieden, deshalb habe ich sie nicht so oft genommen.
Interviewerin: Wie machst du das beim Sex? Machst du eine Pause, oder … ?
Elisabeth: Ja. Es tut mir voll weh. Außerdem finde ich es grindig.
Interviewerin: Besprichst du das mit den Männern vorher? Wie machst du das?
Elisabeth: Ja. Ich hatte noch nie einen Freund dem das wichtig gewesen wäre, dass ich zu dieser Zeit Sex mit ihm habe. Den meisten war es eher wurscht. Die haben das verstanden und es ist nicht so, dass sie unbedingt wollten, wenn ich die Tage hatte. Es war ihnen egal. Ich habe das immer klar gemacht. Ich habe schon probiert wie das ist. Viel intensiver als sonst, aber danach zu schmerzvoll.
Interviewerin: Aber wie ich es aus Erzählungen von älteren Frauen kenne, dass es schambehaftet war, die Periode anzusprechen, das ist es bei dir nicht?
Elisabeth: Nein, das überhaupt icht. Das ist ein Teil von mir. Warum sollte ich mich schämen.
Interviewerin: Das hat sich zum Teil – nicht durchgängig – schon geändert.
Elisabeth: Es hat auch früher geheißen, wenn man die Tage hat, da ist man unrein. Ich glaube nicht, dass ich unrein bin. Ich glaube eher, dass sich mein Körper da säubert.
Interviewerin: Deine Fruchtbarkeit regelst du mit der Pille.
Elisabeth: Ich nehme die Pille erst seit einem Jahr, vielleicht ein bisschen länger. Ich habe mit Kondomen verhütet. Immer. Ich war immer gegen die Pille, ich habe ein schlechtes Gefühl, wenn ich meinem Körper Hormone zuführe die da nicht hingehören. Ich habe immer noch ein schlechtes Gefühl aber es ist das Einfachste und außerdem hilft es mir gegen meine Schmerzen und das ist auch der Grund warum ich sie genommen habe. Nicht wegen der Verhütung sondern weil ich so arge Schmerzen habe.
Interviewerin: Du hast von Anfang an mit Kondomen verhütet?
Elisabeth: Ja, immer.
Interviewerin: Ich glaube, da bist du eine Ausnahme.
Elisabeth: Ich habe zuviel Angst, dass ich mir etwas einfange und das ist das Einzige, was gegen Geschlechtskrankheiten hilft. Es ist jetzt das erste Mal, mit meinem Freund, dass ich nichts gemacht habe, aber nicht bis zum Schluss. (lacht)
Interviewerin: Wie prägen die Erfahrungen mit der Periode dein Körpergefühl, dieses Wiederkehrende? Ist es ein Rhythmus, ein Neubeginn, wie ist es für dich?
Elisabeth: Ich würde sagen, es ist ein Rhythmus. Ich habe einmal die Pille zwei Monate durchgenommen, weil wir auf Urlaub waren und das war sehr komisch für mich, ich hatte das Gefühl als würde mir etwas fehlen. Es gehört dazu. Es ist auch eine gute Bestätigung, dass nix passiert ist. Ich würde nicht sagen, dass es jedes Mal ein Neubeginn ist. Es war vielleicht am Anfang so, wie ich das erste Mal meine Tage hatte.
Interviewerin: Probierst du verschiedene Hygieneartikel aus? Es gibt genähte Binden aus Stoff, Bio-Tampons, es gibt Schwämmchen und es gibt Menstruationskappen …
Elisabeth: Ja, das würde ich gerne mal probieren, diese Cups die man wieder auswäscht. Am Anfang habe ich Binden verwendet, wie ich noch jünger war. So ab 16, 17 habe ich nur noch O.B. verwendet.
Interviewerin: Manche Frauen mögen ihren Geruch während der Periode sehr gerne und manche mögen ihn gar nicht. Wie ist es bei dir?
Elisabeth: Den mag ich eher nicht so, den Geruch. Ich fühle mich meistens, wenn ich meine Tage habe, ein bisschen krank und schwach.
Interviewerin: Dieses Szenario, sich die Periode bei Schmerzen zu ersparen – als Zukunftsvision, nur mehr zwei oder drei Mal im Jahr zu bluten, wie beim sogenannten Langzeitzyklus. Wäre das ein Szenario für dich?
Elisabeth: Das müsste ich mir genau anschauen, was das für Konsequenzen für meinen Körper hat. Das ist ja nicht natürlich. Ich weiß nicht, was ich da meinem Körper zuführen würde. Vielleicht wenn ich schon genügend Kinder habe, dann könnte ich mir das schon vorstellen, wenn ich älter wäre.
Interviewerin: Jetzt hätte ich noch gerne ein Resümee.
Elisabeth: Die Tage sind für mich nicht unbelastend und es ist schon etwas, da denke ich mir: “Ah, schon wieder!“ Aber wenn sie fehlen würden, wäre es auch nicht gut. Es ist eine natürliche Sache in meinem Körper – es ist schwer, ich habe mir noch nie so richtig Gedanken darüber gemacht.
Interviewerin: Es ist doch ein guter Schlusssatz: Wenn sie fehlen würde, würde sie mir fehlen.

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Interview mit Maria Schrefl, geboren 1917
Interviewerin: Andrea Pierus

“Ich habe die Periode, jetzt kannst du mich nicht anrühren!”

Maria Schrefl lebt im Haus St. Barbara in Wien. Sie wurde 1917 geboren. Sie weiß durch ihren Besuchsdienst, dass ich mit ihr über ihre Periode sprechen möchte.
Interviewerin: Andrea Pierus
Maria Schrefel beginnt zu erzählen: Wir waren drei Kinder. Zwei Mädchen und ein Bub. Meine Schwester war um 6 Jahre älter und mein Bruder um 6 Jahre jünger als ich. Durch die Kriegszeit war das Leben sehr schlimm. Meine Mutter war arbeitslos, sie musste arbeiten und ist in die Häuser waschen gegangen. Es war sehr schwierig. Das Nachtmahl, das sie dort bekommen hat, hat sie uns Kindern mitgebracht.

Interviewerin: Wie hat es begonnen? Wann haben Sie die erste Regel bekommen?
Maria Schrefl: Mit 17 Jahren habe ich die Regel bekommen. Ich bin zu meiner Mutter gegangen und habe zu ihr gesagt: „Mutter, ich habe heute Nacht geblutet.“ Und sie hat darauf geantwortet: „Kind, das ist halt so.“
Interviewerin: Waren Sie überrascht, als die Regel kam oder waren sie vorbereitet?
Maria: Ich habe schon gewusst, dass es so etwas gibt. Eine Freundin hat mir das erzählt und dass das jetzt jeden Monat so ist. In der Drogerie konnte man Binden kaufen.
Interviewerin: Haben sie sich mit der Periode als erwachsene Frau gefühlt? Sie waren jetzt fruchtbar.
Maria: Ich war sehr dünn und mager und deshalb ist sie auch sehr spät eingetroffen. Als ich die Periode bekam habe ich nicht empfunden, dass ich als Frau gelte – für mich gab es da keinen Zusammenhang. Von meiner Mutter oder in der Schule wurde ich nicht aufgeklärt. Das hat man dann untereinander, unter den Mädeln erfahren, wenn eine etwas erzählt hat.
Interviewerin: Haben Sie Kinder?
Maria: Ich hatte keine eigenen Kinder. Ich hatte einen Mann mit 2 Kindern. Er hat die beiden Kinder mitgebracht und da wollte ich keine eigenen. Für ihn war das so in Ordnung. Das hätte Unfrieden gegeben, wenn dann eigene Kinder dazu gekommen wären, das wollte ich nicht.
Interviewerin: Und wie ist Ihr Mann damit umgegangen, wenn Sie die Regel hatten?
Maria: Da habe ich ihm gesagt: „Ich habe die Periode, jetzt kannst du mich nicht anrühren!” Da hat er mir keine Schwierigkeiten gemacht. Die Ehe hat sieben Jahre gehalten. Das verflixte siebente Jahr, da ist sie auseinander gegangen. Dann habe ich alleine gelebt. Nach der Scheidung bin ich in eine andere Wohnung gezogen. Ich war frei. Ich habe nicht mehr geheiratet.
Interviewerin: Haben sie Sport betrieben, während der Periode?
Maria: Ich war sehr sportlich. Als ich im 13. Bezirk gewohnt habe, war es nicht weit bis zum Roten Berg. Und den Kindern habe ich Rad fahren gelernt. Ich habe immer Sport betrieben, auch während der Periode, nur Schwimmen nicht – was man nicht durfte, habe ich eingehalten – anderen Sport habe ich schon betrieben, auch Schifahren.
Interviewerin: Wie haben Sie den Wechsel erlebt?
Maria: Ich bin mit 46 Jahren operiert worden. An den Eierstöcken operiert worden. Danach habe ich keine Regel mehr gehabt. Ich habe keine Beschwerden gehabt, auch vorher nicht, keine argen Beschwerden, es war alles normal, das war das Wunderbare.

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Folgender Text ist auf ein fotobasiertes Interview zurückzuführen. Das dafür verwendete Bildmaterial wurde der Interviewpartnerin mit der Aufforderung ihre Gedanken dazu zu äußern, vorgelegt. Bei den verwendeten Fotos handelte es sich um Reproduktionen von Kunstwerken, die das Thema Menstruation aufgreifen. Der Name der zu Wort kommenden Interviewpartnerin wurde anonymisiert.
Der Text ist ein Auszug aus einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit, die den Titel “Menstruation. Die Kunst sich zu Erinnern.” trägt. Verfasst wurde die Arbeit von Martina Schachner.

Interview mit Margarete

Margarete wurde im Jahr 1955 geboren. Über ihre berufliche Karriere ist mir nicht sehr viel
bekannt. Einzig, dass sie in ihren jungen Jahren an einer technischen Universität studierte und später mit ihrem Ehemann ein technisches Büro führte. Im Jahr 2011 begann Margarete das Studium der Kunstgeschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz.
Margaretes Mutter war 27 Jahre alt, als ihre Tochter geboren wurde. Ihr Geburtsjahr ist somit das Jahr 1928. Ihr Vater war 20 Jahre älter als die Mutter, er wurde im Jahr 1908 geboren. Margarete war verheiratet und hat zwei Töchter. Die Ältere wurde im Jahr 1980 geboren, die Jüngere fünf Jahre später. Der Ehemann und Vater der Mädchen starb, als die beiden Töchter noch sehr klein waren. Die Ältere erinnert sich an ihren Vater, die Jüngere kennt ihn lediglich aus Erzählungen.
Margaretes Erinnerungen an ihre Menstruation sind sehr vielfältig. Sie ist in der Lage sehr
offen und reflektiert über ihren Körper sowie die damit verbundenen natürlichen Prozesse zu sprechen. Sie lässt sich auf die gezeigten Kunstwerke ein und assoziiert sehr facettenreich das Erleben der eigenen Menstruation. Das Interview wirft ein umfangreiches Spektrum an Themen auf, die folgend vorgestellt werden.
In Margaretes Familie wurden intime Themen offen angesprochen. Nicht nur die Frauen
tauschten sich untereinander aus, auch vor dem Blick des Vaters oder dem des älteren
Bruders musste Menstruation nicht versteckt werden. Ganz im Gegenteil, war es in ihrer
Familie eher natürlich als peinlich darüber zu sprechen.
„Ich hatte das Glück in meiner Familie war das irgendwie so ein Thema, das konnte man
besprechen. Man musste nicht heimlich seine Wäsche verstecken, meine Mutter hat ja
meine Wäsche gewaschen, das war normal. Meine Mutter hat mir auch von sich erzählt
[…]“.
Über ihren Vater sagt sie:
„Er war sehr offen, ja, und auch sehr hilfreich und fürsorglich, und so als Vater, also
deswegen habe ich da eigentlich nie irgendwelche Probleme in dem Zusammenhang
gehabt mit meiner Familie, die Öffentlichkeit war eben ganz anders.“
Die Aufklärungsarbeit übernahm Margaretes Mutter. Sie legte großen Wert darauf, ihre
Tochter für die Vorgänge in ihrem Körper zu sensibilisieren. Das Wissen, das sie Margarete
vermittelte, sollte sie vor allem vor einer ungewollten Schwangerschaft schützen. Dieses Ziel verfolgte sie unbeirrt. Margarete erinnert sich an den Zugang, den ihre Mutter wählte, um mit ihrer Tochter erstmals darüber ins Gespräch zu kommen.
„[…] Sie hat sich zu Mittag manchmal hingelegt nach dem Essen und ich bin sehr spät aus
der Schule gekommen und dann hat sie sich hingelegt und hat ein Lexikon genommen von
Maiers Konversationslexikon, hat das aufgeschlagen und hat mir mit einem
wissenschaftlichen Ansatz erklärt, wie das abläuft also mit Eisprung und warum man blutet und so weiter, hat sie mir erklärt. (…) Also sie hat da schon irgendeinen
Anhaltspunkt gebraucht ja, der das war schon ein bisschen so, nicht mit den Bienen […].“
Margaretes Menstruation setzte im Jahr 1969 oder 1970 ein. Das genaue Datum weiß sie
nicht mehr. Sie war damals im 15. Lebensjahr. Auf Grund des mütterlichen Engagements
wusste sie bereits, was auf sie zukommen würde. Und auch von ihren Freundinnen, die
bereits vor ihr menstruierten, war sie, über das zu erwartenden Ereignis informiert. Sie war,
wie sie selbst sagt „sehr mager und deshalb hat es dann auch ein bisschen länger gedauert“.
Die erste Blutung erlebte Margarete sehr positiv, wurde sie doch von ihrer Tante als etwas
Besonderes angesehen und als solches zelebriert.
„Und da war ich zufällig bei meiner Tante ein paar Tage und da ist das eingetreten und
die war so lieb, erstens hat sie mir alles besorgt an Binden, und dann ist sie mit mir an
dem Tag in ein Geschäft gegangen und hat mir einen BH gekauft (…) und der war rot, ich
habe mir einen roten ausgesucht und das war mein erster BH, das werde ich ihr nie
vergessen. Sie ist mittlerweile schon gestorben und sie hat gesagt das ist toll und jetzt
gehen wir einen BH kaufen. Das habe ich schön gefunden, das vergisst man nicht.“
Von ihrer Mutter bekam Margarete einen Kalender, den die Frauen zur Empfängnisverhütung verwendeten. Sie zeigte ihr genau, wie dieser zu benützen war und erklärte ihr, dass es sehr wichtig ist, regelmäßig sorgfältige Aufzeichnungen zu machen, um genau über den eigenen Zyklus Bescheid zu wissen.
„[…] Und da gab es so Kasterl drinnen und einen Schieber […] da hat man dann immer
den ersten Tag der Blutung eingetragen und dann hat man diese Kasterl angemalt solange
sie angehalten hat und dann wieder im nächsten Monat beim Nächsten und so hat man
gesehen, also wenn man jetzt zurückgezählt hätte wann ungefähr ein Eisprung war, ja.
Also natürlich sehr oberflächlich, weil wenn irgendwas im Körper nicht funktioniert ist
das natürlich schon wieder, aber sie hat gesagt das ist wichtig, dass man das immer
weiß.“
Margaretes Mutter hatte ihr die Veränderungen in ihrem Köper als einen normalen,
natürlichen Prozess in Aussicht gestellt und das Einsetzen der Menstruation als Beginn der
weiblichen Fruchtbarkeit erklärt. Sie vermittelte ihrer Tochter, dass intime Themen im
privaten Kreis offen angesprochen werden könnten. Nach außen hin musste aber Diskretion gewahrt werden.
„[…] In meiner Familie hatte ich einen sehr natürlichen Zugang, […] nach außen hin
musste Menstruation aber verborgen werden.“
Margaretes Mutter war sehr darauf bedacht, ihre Tochter vor einer ungewollten
Schwangerschaft zu schützen. Um dies zu erreichen, wandte sie Methoden an, die Margarete aus heutiger Sicht kritisiert. Sie stellte ihr eine Schwangerschaft als etwas Furchteinflößendes in Aussicht. Eine Gefahr, die es unbedingt zu vermeiden galt. Um größtmögliches Verantwortungsbewusstsein in der Tochter hervorzurufen, setzte die Mutter auf Drohgebärden und Verängstigung. Ihr ging es dabei nicht so sehr um das Verhindern einer Sünde und die Einhaltung religiöser Pflichten. Im Vordergrund stand der „barrierefreie“ Abschluss der Ausbildung. Margarete denkt, dass es ihr auch darum ging, sich selbst zu schützen.
„[…] Sie wollte nicht so weit kommen, dass sie dann irgendwie Verantwortung
übernehmen muss für etwas, das so kompliziert ist.“
Von ihrer Mutter wusste Margarete, welche Möglichkeiten es zur Verhütung gab. Für sie kam einzig die Empfängnisverhütung in Frage. Präservative waren zwar bereits erhältlich, doch weist sie darauf hin, dass es fast unmöglich war, diese zu besorgen. Und die Pille wurde in den 1970ern ausschließlich verheirateten Frauen verschrieben. Für junge Mädchen, wie Margarete eines war, gab es keine Möglichkeit an ein Rezept heranzukommen.
„Und (…) ich weiß ja also sie, meine Mutter hat mir das auch erklärt, weil da gab es ja
diese Knauss-Ogino Methode, die Methode mit den fruchtbaren Tagen, nach denen hat
meine Mutter zu der Zeit verhütet, wie mein Bruder und ich auf die Welt gekommen sind
(lacht) ja, das wissen wir auch, sie hat dann später die Pille genommen und sie war eine
der ersten Generationen, die also die Pille dann bekommen haben, aber das wurde damals
ja nur an verheiratete Frauen von Frauenärzten ausgegeben, die schon Kinder hatten, ja.
[…]Denn wie ich dann also (…) 18 war und wie das wichtig gewesen wäre, ging ich zu
einem Frauenarzt in Graz und der hat mir da auch erklärt, wie das geht mit den Tagen
und da waren keine Möglichkeiten, an eine Pille heranzukommen.“
Margarete reflektiert in ihren Erzählungen die Probleme ihrer Generation. Die Frauen waren
in Hinblick auf ihre Sexualität sehr eingeschränkt. Die Angst vor einer potentiellen
Schwangerschaft war tief in ihnen verankert. Verhütung war eben kompliziert und nicht sehr sicher, eine Abtreibung wurde vor dem Gesetz mit einer Freiheitsstrafe geahndet. Sie stellte für die Frauen ein großes Risiko dar.
Margarete erinnert sich, dass es im Jahr 1971 einen lauten Aufschrei aus der Bevölkerung
gab. Sie erzählt von dem groß angelegten Stern Artikel (Abb.11), für den sich Alice
Schwarzer verantwortlich zeichnete. Diese mobilisierte 374 Frauen, die öffentlich ein
Geständnis ablegten. „Wir haben abgetrieben“, war auf der Titelseite zu lesen. Der Artikel
war Auslöser einer weitreichenden feministischen Bewegung. Auch Margarete ging damals
gegen den Paragraf 218 auf die Straße und kämpfte für das Recht der Frauen auf Abtreibung. Von der Mutter und der repressiven Gesetzeslage verängstigt, schwebte eine mögliche Schwangerschaft wie ein Damoklesschwert über der jungen Margarete und beeinflusste ihre Handlungen maßgeblich.
„[…] Aber jetzt in der Nachsicht weiß ich, dass ich halt, das war immer in meinem Kopf,
ich war sehr hirnorientiert. Also auch beim Verliebt sein und so, das war immer in
meinem Kopf, dass ich achten muss darauf, dass mir nichts passiert.“
In Hinblick auf die Öffentlichkeit thematisiert Margarete eine andauernde Tabuisierung des
weiblichen Zyklus und im Speziellen der montaltichen Blutung. Außerhalb der familiären
Zone, wurde Menstruation als intime Angelegenheit verschwiegen.
„[…] In meiner Familie hatte ich einen sehr natürlichen Zugang, […] nach außen hin
musste Menstruation aber verborgen werden.“
Sie erinnert sich besonders an zwei Situationen, in denen sie sich um strenge Diskretion
bemühen musste: das Besorgen von Hygieneartikeln und das systematische Verstecken von Menstruation in der Schule „vor den männlichen Wesen“. In der Schule war die Menstruation der Mädchen ein ambivalentes Thema. Es war zum Einen ganz normal, dass sich die jungen Frauen regelmäßig, ohne Angabe von Gründen, vom Turnunterricht abmeldeten. Thematisiert wurde es aber nicht. Es gab auch keinen Aufklärungsunterricht. Vor allem vor den männlichen Kollegen hielt man sich bedeckt. Sie erinnert sich diesbezüglich an eine Anekdote, die das sanfte Aufbrechen des Tabus in der Schule aufzeigt.
„[…] Ich war ja eine etwas freche Schülerin, […] bei uns war es so, dass man sich vom
Turnunterricht einmal im Monat ohne besondere Angabe von Gründen befreien lassen
konnte und da kann ich mich an unseren Lateinprofessor erinnern, der unser
Klassenvorstand war, und der hat dann einmal im Klassenbuch nachgesehen und da sind
ein paar Namen drinnen gestanden, da hat er gesagt: „Was war denn mit denen, warum
haben die nicht mitgeturnt?“ und ich habe dann gesagt: ‚Naja, das Übliche’, worauf alle
in schallendes Gelächter ausgebrochen sind und er einen roten Kopf gekriegt hat und die
anderen haben dann gesagt: „Mein Gott Margarete, das war toll, wie du das gesagt
hast.“. Das werde ich nie vergessen, weil du mich jetzt an das erinnerst, ich hab gesagt:
„Das Übliche!“ und dann ist es ihm natürlich klar geworden und dann war es ihm
unangenehm, dass er so gefragt hat, ja, dass er nicht einfach nur gelacht hat: „Aja
vergessen.“ Er hat einen roten Kopf gekriegt.“
Zu ihrer Zeit durften die Schüler_Innen während des Unterrichts die Toilette nicht aufsuchen. „Das war damals keine Option, dafür mussten die Pausen genützt werden.“ Niemand wäre auch nur auf die Idee gekommen aufzuzeigen und danach zu fragen.
„Da hätte man gesagt: „Ja warum denn?“ und dann hätten alle die Ohren gespitzt und
überlegt und dann hätte man etwas erfinden müssen, damit es nicht peinlich ist, dass
einem schlecht ist oder was weiß ich was, […]da hätte man in Ohnmacht fallen müssen
oder was. […] Und heute findet niemand was dabei.“
Vor allem für die Mädchen war diese strenge Regelung sehr unangenehm. Margarete sagt, sie „haben lieber einen Fleck auf der Kleidung riskiert, als zu fragen, ob sie hinaus gehen
dürften“. Sie erinnert sich an ein Mädchen aus ihrer Klasse, die auf Grund der strikten
Regelungen in der Schule, ihrer Blutung hilflos ausgeliefert war.
„[…] Und ich kann mich noch genau an eine Geschichte erinnern, da musste eine einmal
rausgehen, und hat sich umgedreht, und hat am Kleid so einen roten Fleck gehabt (…) mir
hat sie so Leid getan, weil das war für sie wahnsinnig unangenehm. Die ist dann auch ein
paar Tage nicht mehr gekommen, weil es ihr einfach so peinlich war […].“
Wie bereits erwähnt war auch die Beschaffung von Tampons und Binden im Vergleich zur
heutigen Situation sehr problematisch.
„[…] Nicht so einfach oder so locker wie man das heute macht […], man hat so etwas am
liebsten nicht mit sich öffentlich herumgetragen, also das musste alles immer irgendwie so
möglichst nicht auffallen.“
Sie erinnert sich, dass es damals Drogerien gab, in denen „Binden in Säckchen“gekauft
werden konnten.
„[…] Und man musste immer (…) das irgend wie so machen, dass das halt niemand
gesehen hat, dass man das einsteckt, das war so ein gewisser Tabubruch, wenn man das
auf den Tisch gelegt hätte, oder so.“
Bei ihr zu Hause wurde das wiederum anders gehandhabt. Die Hygieneartikel wurden
sichtbar auf der Toilette aufbewahrt. Das war kein Problem für den Vater, oder den Bruder,
vor ihnen mussten die Binden nicht versteckt werden. Und auch ihr späterer Mann hatte mit Menstruation, Binden und Tampons kein Problem.
„[…] Der ist für mich alle möglichen Sachen in die Apotheke einkaufen gegangen, von
Frauenthermometer über Tampons und alles Mögliche und hat auch immer etwas im Auto
mitgehabt. (…) Das war sehr angenehm. Der war mir da auch immer behilflich irgendwie,
wenn wir irgendwo am Strand waren oder so. Also insofern habe ich persönlich damit
immer Glück gehabt.“
Als junges Mädchen verwendete Margarete Monatsbinden. Ihre Mutter erlaubte ihr nicht,
gleich zu Tampons zu greifen. Ihre ersten Binden inklusive Monatshöschen kamen von der
Firma Mimosett.
„Und man bekam so ein Monatshöschen mit einem, das hat ausgeschaut wie ein Slip, hat
da eine Plastikeinlage gehabt, und innen zwei so (..) Möglichkeiten aus einem ganz feinen
Metall, und diese Binde die dann so gedreht war, zu befestigen. Die Binde selber hatte
kein undurchlässiges Material. Sie war relativ groß auch, das war immer sehr schwierig,
es irgendwo zu entfernen, weil ins Klo dufte man das natürlich auch nicht werfen […]“
Obwohl ihre Mutter es nicht für gut befand, fing sie nach zwei, oder drei Jahren an Tampons zu verwenden. Sie widersetzte sich damit der mütterlichen Meinung, auch dahingehend, dass Anstrengungen während der Menstruation zu vermeiden seien. Margarete wollte sich frei bewegen, Sport betreiben, schwimmen. Abgesehen davon fand sie es gut, ihre Blutung mit den kleinen Tampons zu verbergen.
„Und ich habe das verwendet auch eben um das zu verbergen, weil man damit wirklich
sicherer unterwegs war und auch viel weniger Aufsehen erregt hat mit so etwas Kleinem.“
Das Thema Hygieneartikel weckt viele Erinnerungen in Margarete. So erzählt sie von einem
Wochenende in Stuttgart, während dem sie ihre Periode bekommen hat. Sie hatte keine
Hygieneartikel bei sich, und es war nicht möglich vor Ort welche zu kaufen. Sie musste
Papiertaschentücher verwenden, und sich sehr darauf konzentrieren stets rechtzeitig eine
Toilette zu finden, und aufzusuchen.
„Das war das schrecklichste Erlebnis meines Lebens. (lacht) […] aber ich habe es
überlebt, und ohne also wirklich große Auswüchse, aber das ist etwas, was in meiner
Erinnerung ist, weil ich hab das ganze Wochenende durchgehalten, und es war sehr
unangenehm, ich war ziemlich unter Stress, die ganze Zeit […]“
Im Laufe der Zeit hat sie dann eine Strategie entwickelt, um sichtbare Flecken zu vermeiden. „Ich hab mir dann immer angewöhnt, wenn ich es gewusst habe, etwas dunkles anzuziehen. Schwarze Badeanzüge, schwarze Wäsche, schwarze Hosen, irgendetwas das (Blut) im Notfall das nicht so sichtbar ist.“
In Bezug auf die gerade geschilderte Erfahrung thematisiert sie die freie Menstruation. Bei
dieser Methode wird auf Hygieneartikel gänzlich verzichtet. Das Menstruationsblut, das nicht ununterbrochen, sondern in Schüben aus der Scheide ausfließt, wird dabei bei jedem
Toilettengang frei abgelassen.
Bezüglich Tampons fällt ihr eine weitere Anekdote ein, die sie einem breiten Lächeln
erzählte.
„Mein Mann hat einmal am Strand einen vergraben, (lacht) weil wir nicht gewusst haben,
weil ins Wasser kann man das nicht werfen, und da hat er ein Loch gegraben, und den
hinein. Der ist sicher verrottet. (lacht) Das habe ich sehr nett von ihm gefunden (lacht) (..)
da waren wir ganz an einem einsamen Strand, und wir wollten das nicht irgendwo
hinwerfen.“
Wie Margarete mehrmals erwähnt, war für sie der Umgang mit Menstruation ein sehr
lockerer. Sie erzählt, dass für sie Körperlichkeit immer sehr wichtig war. Sie misst der
weiblichen Blutung einen hohen Stellenwert zu. Für sie ist sie, ähnlich der Geburt eines
Kindes, ein weltbewegendes Ereignis.
Diesbezüglich erzählt sie, dass sie in ihrem Leben zwei Mal natürlich entband. In Bezug auf
Körperlichkeit merkt sie an, dass ihre ältere Tochter sogar bei der Geburt der Jüngeren dabei war. Dementsprechend unverkrampft gestaltete Margarete auch ihre Erziehung. Der offene Zugang zum eigenen Körper brachte es mit sich, dass die Töchter schon sehr früh über die Menstruation Bescheid wussten.
„Ja, sie sind irgendwie hineingewachsen, […] weil sie meistens auch gewusst haben, wenn
ich die Periode habe, oder so. Weil sie sind schon als Kleinkinder mit mir mit aufs Klo
gegangen, und sie wollten dann wissen, „Was ist das und warum hast du das und warum
machst du das?“, und wo sind diese Dinge, und deswegen haben sie eigentlich schon sehr
früh erfahren, wie das funktioniert (..)“
Als die Beiden später zu menstruieren begannen, erklärte ihnen Margarete sehr genau was mit ihnen passierte, und führte sie behutsam in das „Frau-Sein“ ein. Sie kauften gemeinsam Hygieneartikel und Margarete riet ihnen – wie damals ihre eigene Mutter – einen Kalender zu führen. Sie denkt, dass sie die erste Periode gemeinsam gefeiert haben, erinnert sich aber nicht mehr genau daran. Margarete erzählt, dass es vor allem bei ihrer jüngeren Tochter sehr entspannt ablief, da sie die Menarche ihrer großen Schwester bereits miterlebte, und so bestens vorbereitet war. Margarete war es ein großes Anliegen, ihren Töchtern ein positives Menstruationsempfinden zu ermöglichen.
„Und das ist übrigens etwas, das mit der weiblichen Kraft, das finde ich auch so wichtig
deswegen, dass man das eigentlich als etwas Positives bewertet, weil man, wenn man ein
junges Mädchen ist, und seine Periode bekommt, wenn das auch nicht immer angenehm
ist, weil man halt manchmal, was weiß ich schwitzt, oder weil es einem weh tut oder so,
ich finde dass, das doch immer wie so ein Reinigungsprozess ist.“
Zwei sehr intime Erlebnisse, die sie mit ihrer jüngeren Tochter verbindet, scheinen zu
bestätigen, dass ihr das gelungen ist.
„Und man erlebt ja dann irgendwelche Überraschungen, dass man einfach nicht aufs Klo
kommt, oder irgendwas, einmal bin ich mit meiner jüngeren Tochter nach Leipzig
gefahren, ihre Schwester besuchen, und wir hatten beide die Periode, und es kam kein
Rastplatz, dann haben wir uns da trocken gelegt, und sind auf Plastiksackerl im Auto
gesessen, (lacht herzlich) und solche Sachen, ja erlebt man, das passiert, dass das
gemeinsam passiert.“
Ein anderes Mal war sich ihre Tochter unsicher, ob sie einen Tampon eingeführt hatte, oder
nicht, und bat ihre Mutter um Hilfe.
„Ja mit den Ob’s gibt’s ja dann noch das Problem, dass man unter Umständen den Faden
verliert und nicht mehr weiß, ob man eines drinnen hat, oder nicht (lacht). Kenn ich alles,
ich habe bei meiner jüngeren Tochter einmal (den Tampon) gesucht, (lacht) und sie hat zu
mir gesagt, sie weiß nicht (ob sie den Tampon bereits herausgeholt hat) , und ich hab
gesagt: ‚Dann leg dich aufs Bett, stell die Beine hoch, und wir schauen einmal’.“
Sie sagt, dass in solchen Situationen ein natürlicher Zugang zum Körper sehr wichtig ist.
Margarete spricht von sich aus ihre Menopause an. Es war nicht ganz leicht für sie, ihre
Fruchtbarkeit zu verlieren. Zum einen hätte sie es sehr schön gefunden, noch ein Kind zu
bekommen. Zum Anderen sagt sie, wird eine nicht mehr fruchtbare Frau „immer noch von
(…) einem Teil der männlichen Gesellschaft als nicht vorhanden betrachtet. Außer sie sind
irgendwo, was weiß ich, karrieremäßig unterwegs“. Es benötigte etwas Zeit sich an den
Umstand zu gewöhnen. Sobald sie das akzeptiert hatte, empfand sie es als durchaus befreiend. Sie genießt es jetzt, mehr Zeit für sich selbst und andere Dinge zu haben.
„Bei mir hat das so mit 55 aufgehört, und das kündigt sich ja auch an, obwohl man, ich
mir dessen gar nicht so bewusst war, das war noch so eine wilde Situation, wo ich extrem
starke Blutungen gehabt habe, und so, und dann (…) fehlt einem etwas, und man denkt,
naja, jetzt kann ich also wirklich keine Kinder mehr bekommen, das ist wie ein Abschied,
weil vorher denkt man immer, das wäre ja noch möglich, ja, und es kommt aber dann ein
Moment wo man sagt, dass ist gut so.“
Sie sagt aber auch, dass ihre weiblichen Zeiten manchmal vermisst.
„dieses Wiederkehrende ist auch immer wieder wie so ein Neubeginn. Insofern geht es mir
irgendwie ab (lacht) Also dieses, dass man, das, was ich eigentlich immer als so angenehm gefunden hab, es ist so wie wenn etwas neu anfängt. Wie ein innerer
Reinigungsprozess.“
Im Rahmen dieses Themenkomplexes kritisiert sie Männer, die mit über 50 Jahren noch
Kinder in die Welt setzten. Das sei äußerst unverantwortlich. Über dieses Thema echauffieren sich auch ihre Töchter sehr, sagt sie. Für Frauen ist es von der Natur vorgesehen, dass sie nicht ein Leben lang die Möglichkeit haben Kinder zu bekommen. Auf Grund der Gesundheit der Frau und des Kindes. „[…] weil das würden sie ja zumindest früher einmal nicht ausgehalten haben, das haben viele ja sowieso nicht überlebt.“
Abseits von den großen Themenblöcken, die bereits näher erläutert wurden, gibt es im
Interview auch kleinere Themen, die Margarete im Laufe des Gesprächs aufwirft. So spricht
sie beispielsweise über Schambehaarung und kritisiert das derzeitige Diktat der Frauen zur
Rasur.
„[… ]Also wie gesagt, Rasur finde ich auch toll und ich finde nichts fürchterlicher als
wenn man einen schönen Bikini anhat und es wachsen einem, es sprießen einem die Haare
heraus, und so aber wie gesagt, dieses Diktat des Rasierens, wo das so ein natürliches, ist
doch ein natürlicher Anblick, und ich hab noch ein Buch über eine Geburt wo man sieht,
wie das Kind herauskommt, und die Frau halt Schamhaare hat, ja (…) das ist immer die
Frage, was muss ich beweisen, oder was muss ich machen, oder mache ich das zum Spaß,
oder weil es mir halt Freude macht, oder weil ich es ausprobiere wie sieht eine bestimmte
Frisur aus, oder so (lacht) ja, also das würde ich mir schon hoffen, dass die Freiheit so
groß ist […]“
Eine weitere Kritik übt sie an der Pille.
„Und wie du sagst, auch diese weibliche Kraft ja, also vielmehr, die Frauen sollten sich
dessen viel mehr bewusst sein, (…) und die Pille hat ja ein Mann erfunden, und vielleicht
hat man den Frauen ja auch ein bisschen was von ihrer Kraft genommen, von ihrer Macht
auch, ich meine sie haben zwar Macht über ihren Körper dadurch, und das besser, und
organisierter, aber ich stell das jetzt nur einmal in den Raum. Weißt du was ich meine?
(…) Das ist halt ein zweischneidiges Schwert, sowie mit der Abtreibung. […] Aber das ist
jetzt eben bezogen auf die Empfängnisverhütung, oder das Unterbinden des normalen
Zyklus auch eine Frage, wie weit wir da Macht haben, wenn wir das so machen wie wir
das machen wollen, und machen wir das immer so, wie wir das machen wollen? Oder
bestimmt das jemand anders? Das ist interessant auf welche Themen du mich bringst.“
Generell waren Margaretes Erfahrungen mit Menstruation und Fruchtbarkeit – abgesehen von der erdrückenden Angst vor einer Schwangerschaft während ihrer jungen Jahre – durchwegs positiv. Sie sagt, sie hat ihre Periode immer als sehr angenehm empfunden und immer Glück damit gehabt.
Die Frauen, resümiert sie, haben viel erreicht. Sie haben heute viele Freiheiten.
„Und trotzdem werden noch verschiedene Themen in der Gesellschaft von Männern
dominiert, weil eine Frau soll schön und jung sein.“
Auszug aus dem Interview mit Margarete, 11.06.2014.

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Interview mit Claudia Schuss, geboren 1962
Interviewerin: Andrea Pierus

„Die erste Regel“

Claudia Schuss wurde 1962 in Wien geboren und wuchs bei ihrer Großmutter, im Haus ihres Vaters auf. Sie weiß aus dem Vorgespräch, dass ich mit ihr über ihre Periode sprechen möchte. Wir setzen uns und sie beginnt, ohne Frage meinerseits, sofort zu erzählen.
Interviewerin: Andrea Pierus

Claudia: Ich habe mit 12 Jahren meine Regel bekommen. Bei meiner Ersatzmutter, bei der Tante Michi, die mich durch die Mittelschule gebracht hat und mir auch Nachhilfe gegeben hat und bei der ich mich einfach sehr wohl gefühlt habe und es war für mich typisch, dass ich die Menstruation nicht zu Hause bekomme sondern eben bei ihr. Und ja, es war alles blutig. Es hat auch nicht wehgetan. Es war plötzlich da und dann hat es ungefähr ein Jahr gedauert, bis es sich eingependelt hat. Ich war ziemlich früh dran. Ab 13 habe ich die Regel dann immer normal gehabt, ohne viele Schmerzen. Ich war mit meiner Menstruation sehr glücklich weil sie mich zur Frau gemacht hat. (…) Ich habe dann natürlich auch wie alle anderen Jugendlichen die Pille genommen, habe sie aber nicht sehr gut vertragen.
Interviewerin: Ab wann?
Claudia: Weiß ich nicht mehr so genau. Ab 18, 19, 20, ich glaube ab 20, als ich den ersten Partner dann hatte. Glücklich war ich nicht damit und hab՚ dann auch einen Partner gehabt, der gesagt hat, ich brauche sie nicht nehmen. Da war ich 24 und das war mir sehr angenehm, weil ich fand, dass Sexualität so viel lockerer ist als mit der Pille und irgendwann gab՚s dann durch einen Bekannten, der Frauenarzt ist, der sagte, es gibt eine Pille danach, und irgendwann ist es dann passiert und ich dachte, oje, könnt՚ ich schwanger sein und bin zu ihm hin, hab mir so eine Pille danach geholt und dann hat die Menstruation angefangen zu stottern, sozusagen, sie ist nicht mehr regelmäßig gekommen und dann habe ich sie noch ein Mal genommen und dann war es eigentlich aus, interessanter Weise. Und zwar war ich da 32, 33 und dann habe ich erfahren, dass meine Mutter Krebs hat, im Endstadium und es gibt einen Schock. Mit 32, 33 hat sie angefangen zu stocken, ich hatte sie gehabt, da ist sie ein Mal gekommen. Dann wieder nicht, aber monatelange nicht und als ich erfahren habe, dass meine Mutter Krebs im Endstadium hat, habe ich einen Schockwechsel gehabt. Da war ich 33 oder 34 und da war es aus, danach ist die Regel nicht mehr gekommen, was mich aber nicht gestört hat, weil ich wusste, sollte ich doch noch einen Kinderwunsch haben, gehe ich zu einem gewissen Heiler, den ich gut kenne und bei dem weiß ich, dass ich die Regel wieder bekäme und es hat mich in dem Sinn nicht gestört, weil ich ihn ja nicht gebraucht habe. Es war halt nur, dieser Wechsel hat sich bei mir dann schon sehr früh eingestellt mit diesen Stimmungsschwankungen. Ich war sogar noch bei einem Freund von mir der Frauenarzt ist und wollte sozusagen die Regel wieder zurück erzwingen und habe ganz massive Hormonpräparate bekommen und da stand ich dann eines Tages vor dem Fenster und wollte mich runterschmeißen und darauf hin habe ich beschlossen, nein, ich lasse den Körper so wie er ist und hab՚ halt keine Menstruation mehr. (…)
Interviewerin: Aber wie du dann die Hormone genommen hast, hast du da die Regel wieder gehabt?
Claudia: Kurz. Aber ich hab sofort wieder damit aufgehört, wie ich gesehen habe, wie depressiv ich darauf wurde, und das ich echt Selbstmordgedanken hatte und die waren auch sehr massiv und ich bin auch kein Mensch der Chemie isst. Ich esse keine Chemie. (…) Ich bin ein großer Freund von Spagyrium, Homöopathie, auch da. Also es gab damals die Form von natürlicher Verhütung nicht, außer aufpassen (lacht) – ja.
Interviewerin: Sag und dann noch – warst du aufgeklärt vorher?
Claudia: Nein, war ich nicht.
Interviewerin: Hast du irgendetwas davon gewusst, was da auf dich zukommt?
Claudia: Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen. Aber eben diese Tante Michi, die ich Tante Michi genannt habe, die hat mich dann, wie ich die Regel bekommen habe, aufgeklärt, was das ist.
Interviewerin: Bist du erschrocken?
Claudia: Ich bin sehr erschrocken. Ich bin aufs Klo gegangen. Es war alles blutig und ich war natürlich sehr – mit 12 Jahren, junges Mädchen, von Menstruation, Sexualität, usw. noch keine Ahnung gehabt – war ich natürlich sehr aufgeregt, aufgewühlt. Bin ich krank? Muss ich ins Spital? Was auch immer. Ja, sie hat mich dann aufgeklärt. „Nein, das ist schon die Regelblutung“ und hat mir das ganz liebevoll gezeigt und erklärt und mir auch eine Binde gegeben und ich habe dann mit Binden gelebt. Ich hab OB՚s nicht gerne gehabt, weil ich sehr schmal gebaut bin und mir das eigentlich immer weh getan hat. Aber ich habe, wenn ich die Menstruation hatte, es immer sehr genossen, weil, man wurde immer unter so einen Glassturz gestellt, so „Jössas na, sie hat die Regel!“ Und da durfte ich mich zurückziehen, da durfte ich mich auch ausschlafen und musste auch nicht schwimmen gehen, auch nicht Sport betreiben. Man ist immer so ein bisschen gesondert und besonders behandelt worden und das hat mir natürlich gefallen.
Interviewerin: Wenn die Regel kommt, kommt die Fruchtbarkeit in den Blick. Bist du dann aufgeklärt worden, wie man die fruchtbaren Tage berechnet?
Claudia: Ja, ja, natürlich, natürlich und das habe ich dann auch gemacht, weil ich die Pille nicht vertragen habe, habe ich das dann, habe ich dann alles mit rechnen gemacht oder der Mann hat verhütet.
Interviewerin: Hast du in deiner Schule, bei den Schulfreundinnen mitbekommen, dass sie die Periode hatten?
Claudia: Nein, überhaupt nicht.
Interviewerin: Und war das so, dass die Männer davon nichts wissen durften weil das war bei Frauen früher so, vor den Männern wurde das geheim gehalten.
Claudia: Nein.
Interviewerin: Nein. Also das war kein Tabu?
Claudia: Nein, bei uns zu Hause ist das überhaupt kein Tabu gewesen, weil mein Vater war sowieso ein Womanizer und der hat sich mit Frauen sehr gut ausgekannt und da war das ganz normal, wenn ich gesagt habe, ich habe die Regel, dann hatte ich die Regel und fertig. Nein, das ist nie irgendwie tabuisiert worden oder so „Huch“ oder „Jössas“, das wurde es nie. Es ist immer ganz normal behandelt worden, nur, wie gesagt, ich habs halt nur bis 32, 33 gehabt und dann wars wirklich schlagartig zu Ende. Es war teilweise eben diese Pille danach, die offensichtlich den Zyklus gestört hat und dann habe ich erfahren, Mami ist schwer krank, hat mit 56 oder 55 Jahren Bauchspeichelkrebs und durch diesen Schock und das hat mir dann meine Omama erzählt, das gibt es, dass Frauen vor allem in Kriegszeiten einen Schockwechsel …
Interviewerin: Das habe ich auch gerade gelesen.
Claudia: Ja, bekommen können. So werden sie geschützt, dass sie keine Kinder von fremden Männern bekommen.
Interviewerin: Ja, Mensturationsamenorrhoe! Während der Kriegszeit ist die Regel ausgeblieben, bei manchen Frauen. Die wollten dann sozusagen auch kein Kriegsmaterial nachliefern, in Form, dass sie Kinder gebähren, Söhne gebähren, die an die Front müssen.
Claudia: Genau, genau.
Interviewerin: Habe ich gerade gelesen, ist total spannend!
Claudia: Sehr spannend. Und es ist auch so schön, weil es finde ich so zur Sensibilität der Frau dazu gehört. Also für mich ist Regelblutung was sehr Feines und gehört auch zur Frau allgemein, aber auch zur Frau als Hexe. Es wurde ja früher mit Mensturationsblut viele Dinge gemacht. Da wurden auch Rituale damit gemacht, zum Beispiel. Das ist also sehr mystisch alles miteinander auch. Aber ich habe auch sehr gerne mit Männern geschlafen, wenn sie das wollten; wenn´s ihnen nicht gegraust hat, wenn ich während ich Blutung hatte, weil ich einfach total natürlich sein konnte und komplett wusste, hier werde ich jetzt nicht … gibt es nicht die Möglichkeit, schwanger zu werden. Ich konnte mich so frei, sexuell frei bewegen und hatte Partner, bei denen das nichts gemacht hat. Da hat man halt dann ein Handtuch aufgelegt und beide haben wir uns dann halt danach geduscht oder gewaschen, aber es war für mich einfach die schönste Form der Sexualität, weil ich genau wusste, da kann mir jetzt nichts passieren. Das ist schon ein schönes Gefühl.
Interviewerin: Ja, sicherlich. Es ist interessant, weil ich dachte, dass die Männer da eher nicht mitmachen.
Claudia: Doch, hatte ich. Ich hatte Partner die sagten: „Nein, stört mich gar nicht!“ Gott sei Dank! Ich hab՚ da sehr natürliche Männer gehabt, also nicht so überdrüber wo alles picobello sauber sein muss und so, das hatte ich nicht.
Interviewerin: Na, ich glaube, dass manche Angst haben!
Claudia: Nein, hatte ich nicht. Gott sei Dank!
Interviewerin: Okay, dann war noch eine Frage – wie hast du dieses Wiederkehrende erlebt? War das eher ein Neubeginn oder war das eher eine Last für dich?
Claudia: Nein, nein, ich hab՚ das sehr geschätzt. Erstens war՚s ein Rhythmus und zweitens war՚s für mich eben … Ich bin ganz bewusst in diese Tage hineingegangen. Schon als junges Mädchen, weil ich mich einfach so sauber danach gefühlt habe. Ich habe gemerkt, dass dieses Blut ein altes Blut ist und ich hab´s auch beobachtet, wenn zum Beispiel ein Ei abgegangen ist oder ein Netz und man hat auch diese Flankerl wo das Ei sozusagen drinnen war, dieses Netz was da gebildet wird um eben das Ei zu schützen wenn das abgegangen ist, war auch sehr spannend. Ich habe mir das immer auch angschaut.
Interviewerin: Na, witzig!
Claudia: Ja, schon! Das war für mich spannend. Für mich war das faszinierend, weil das Blut eine andere Farbe hat als wenn man blutet. Es kann also von hellorange bis ganz dunkelviolett sein.
Interviewerin: Und wie hast du das gemacht, hast du manchmal Schmerzen gehabt, oder Krämpfe oder so?
Claudia: Ganz wenig, höchstens die ersten zwei Tage und da habe ich mich manchmal zurückgezogen oder bin früher schlafen gegangen und habe mir einen Thermophor draufgelegt. Rückzug. Für mich war՚s einfach Rückzug. Frausein, Rückzug.
Interviewerin: Es war halt einfach normal so.
Claudia: Ja. Ich habe nie wirklich darunter gelitten, so wie manche, die PMS haben, dieses Prämenstruelle Syndrom, da hab՚ ich auch ein paar Frauen kennengelernt, die wirklich Schmerzen hatten, das hatte ich nie. Das waren, da sind halt so diese typischen leichten Krämpfe gekommen, aber das war für mich nichts, wo ich gesagt hab՚ „Jössas na!“ Nein, ich habe also die Menstruation sehr gerne gehabt.
Interviewerin: Und geht sie dir jetzt ab?
Claudia: Mir geht sie jetzt nicht ab. Nein. Ich bin jetzt über 50 und jetzt ist der Wechsel Gott sei Dank vorbei und es ist einfach schön. (…)